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Die Brüder vom FZAS

Ein Streifzug durch die Geschichte des

"Freimaurerbundes Zur aufgehenden Sonne" 

Im Gründungsjahr des „Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne", im Jahre 1907, wurde die Freimaurerei in Deutschland durch folgende acht Großlogen repräsentiert:

-     die Große Loge von Hamburg (1737)

-     die große Landesloge von Sachsen (1738)

-     die Große Nationale Mutterloge „Zu den drei

-     Weltkugeln" (1740)

-     die Große Landesloge der Freimaurer von

-     Deutschland (1770)

-     die Große Mutterloge des eklektischen

-     Freimaurerbundes in Frankfurt a. M. (1783)

-     die Große Loge von Preußen, genannt „Zur

-     Freundschaft" (früher Royal York) 1798

-     die Große Loge „Zur Sonne" in Bayreuth (1829)

-     die Große Freimaurerloge „Zur Eintracht" in

-     Darmstadt (1846).

An dem Vorhandensein dieser acht Großlogen ersehen wir, daß es damals keine einheitliche deutsche Freimaurerei gegeben hat. Alle acht Großlogen hatten zwar als geistiges Fundament ihrer Arbeiten das Konstitutionsbuch James Andersons, „Die Alten Pflichten" anerkannt, unterschieden sich aber dennoch wesentlich in ihren Verfassungen und Ritualen.

Diese Unterschiede sind in erster Linie zurückzuführen auf die verschiedene Auslegung der Hauptstücke I und II der „Alten Pflichten".

Es muß schon sehr früh zu unterschiedlichen Auslegungen

gekommen sein, denn der ersten Fassung der „Alten

Pflichten" von 1723 folgte bereits 1738 eine neue in

erweiterter und detaillierter Form. Grundlage der

Freimaurerei aber blieb das Konstitutionsbuch in seiner

Fassung von 1723.

 

Die Auslegung seiner Hauptteile I und II wurde der Anlaß

zu Streit und Konflikten, die erst ihr Ende fanden, als die

Großlogen sich nach dem zweiten Weltkrieg zu

gemeinsamer Arbeit zusammenschlössen.

Es war vor allem die im Abschnitt I „Gott und die Religion

betreffend" niedergelegte Formulierung, „den Maurer allein

zu der Religion zu verpflichten, in der alle Menschen

übereinstimmen", die eine immerwährende

unterschiedliche Auslegung hervorrief. Dieser Streit führte

zur Bildung der beiden Hauptrichtungen innerhalb der

deutschen Freimaurerei: die christliche und die humanitäre.

Die christliche Richtung der Freimaurerei vertritt die

Ansicht, daß Anderson in seinen „Alten Pflichten" nur die

verschiedenen Formen der christlichen Religion gemeint

haben kann und begründet ihre Meinung damit, daß

Anderson ein strenggläubiger presbyterianischer

Geistlicher gewesen sei. Sie macht das Christentum zur

Vorbedingung für die Aufnahme. Der Aufzunehmende

wurde auf die Bibel als die göttliche Offenbarung vereidigt.

Der Glaube an den persönlichen Gott der Bibel und an die

Auferstehung der Seele waren unerläßliche

Voraussetzungen. Die humanitären Logen hingegen legten

„Die Alten Pflichten" dahin aus, daß die von Anderson

geforderte religiöse Toleranz sich auf alle

Glaubensbekenntnisse beziehen soll, also auch auf die

nichtchristlichen. Zwar legten auch sie die Bibel auf ihren

Altar, aber diese war für sie das Symbol des Glaubens an

eine göttliche Weltordnung, nicht das Zeichen einer

dogmatischen Bindung an eine bestimmte Konfession.

Als im Jahre 1877 der Grand Orient de France durch einen

Beschluß den Glauben an Gott nicht mehr zur Pflicht

machte und in seinen Satzungen den Großen Baumeister

aller Welten strich, gab er dem Artikel l seiner Verfassung

folgenden Wortlaut:

 

„Die Freimaurerei, eine vor allem philantropische,

philosophische und fortschrittliche Institution, hat zu

ihrem Zweck das Suchen nach Wahrheit, das

Studium der allgemeinen Moralität, der Kunst und

Wissenschaft und die Ausübung der Wohltätigkeit.

Sie hat zu Grundsätzen die unbedingte

Gewissensfreiheit und die menschliche Solidarität,

sie schließt niemanden um seines Glaubens willen

aus, sie hat als Wahlspruch: Freiheit, Gleichheit,

Brüderlichkeit."

Dieser Beschluß löste in Deutschland heftige Reaktion aus.

Und schon auf seinem nächsten Großlogentag 1878 in

Hamburg gab der „Deutsche Großlogenbund"

nachstehende Grundsatzerklärung ab: „Der

Freimaurerbund fordert von seinen Mitgliedern kein

dogmatisch bestimmtes Gottesbekenntnis, und die

Aufnahme der einzelnen Brüder wird nicht abhängig

gemacht von einem religiösen Bekenntnis. Aber die

freimaurerischen Symbole und die freimaurerischen Ideale

weisen ausdrücklich auf Gott hin und wären ohne Gott

unverständlich und unsinnig. Die Prinzipien und die

Geschichte der Freimaurerei lehren und bezeugen Gott.

Die Freimaurer verehren Gott im Bilde des Großen

Baumeisters des Weltalls. Das dem Freimaurer heilige

Sittengesetz hat seine tiefste und stärkste Wurzel in Gott.

Würde die Freimaurerei abgelöst von der Gottesidee, so

würde ihr ideales Bestreben überhaupt seine nachhaltige

Kraft und sein höchstes Ziel verlieren und würde haltlos

und ohnmächtig werden. Der Deutsche Großlogentag

spricht daher im Namen des Deutschen Freimaurerbundes

die Überzeugung aus, daß die Freimaurerloge, welche die

Existenz Gottes bestreiten und verleugnen wollte, nicht als

gerechte und vollkommene Loge anzusehen sei, und daß

eine atheistische Freimaurerei aufgehört hat, eine

Freimaurerei zu sein."

 

Aber nicht nur der Hauptabschnitt I, auch der

Hauptabschnitt II der „Alten Pflichten", der „von der

bürgerlichen Obrigkeit, der höchsten und untergeordneten"

handelt, hat viele Debatten ausgelöst. Hier war es die

Formulierung „ein Maurer ist ein friedfertiger Untertan der

bürgerlichen Gewalt" und „sollte ein Bruder ein Empörer

gegen den Staat sein, so ist er in seiner Empörung nicht zu

bestärken". Die Frage, wie weit ein Maurer ein friedfertiger

Untertan zu sein habe, und was unter einem Empörer zu

verstehen sei, hat viele Köpfe erhitzt.

Für viele galt zwar der Satz Fichtes: „Vaterlandsliebe ist

des Maurers Tat, Weltbürgertum sein Gedanke". Aber

leider hatte der Gedanke des Weltbürgertums in den

Logen, die sich in Verfassung und Lehrart ihrem

Landesherren verpflichtet sahen, keinen Eingang

gefunden. Bei ihnen, die noch Fürsten, Könige und Kaiser

zu ihren Mitgliedern und Protektoren zählten, war noch von

Untertanentreue, von Ehrfurcht und Ergebenheit dem

Landesherren gegenüber die Rede. Aus solchem Geiste

devotester Unterwürfigkeit ist auch die Huldigungsadresse

zu verstehen, welche die Großloge von Hamburg Kaiser

Wilhelm I. zu seinem 90. Geburtstag überreichen ließ und

die folgenden Wortlaut hatte:

„Allerdurchlauchtigster, Großmächtiger Kaiser! Hoch

würdigster Protektor!

Ew. Kaiserliche Majestät wollen huldreichst geruhen,

an dem heutigen Tage, an welchem das ganze

deutsche Volk in dankbarer Verehrung auf seinen

Kaiser blickt, auch die Glück- und Segenswünsche

des deutschen Großlogenbundes entgegen zu

nehmen. Was an Ruhm und Macht, an Größe und

Herrlichkeit einem Sterblichen verliehen werden

kann, ist Ew. Majestät zu Theil geworden. Aber nicht

der Kaiserliche Glanz zieht heute das Volk zu dem

Throne seines Herrschers, das Volk betet heute für

 

seinen Vater und dankt Ihm in kindlicher Liebe für die

Güte und Milde, für die Treue und das Wohlwollen,

für alle Sorge und Huld, welches es von Ihm erfahren

hat. Das Reich, welches Ew. Majestät geschaffen

haben, wurzelt in den Herzen aller Untertanen, es

wird groß und mächtig bleiben, wie die Liebe des

Volkes zu seinem Kaiser unvergänglich ist.

Der g.B.a.W. segne und erhalte Ew. Majestät noch

viele Jahre in der geistigen Frische und der

körperlichen Rüstigkeit, auf welche die ganze Welt

mit Bewunderung sieht, zum Heile unseres theuren

Vaterlandes."

 

An diesem Stil hat sich auch bis zum ersten Weltkrieg

nichts geändert. Als Beweis dafür die einmütig

beschlossene Erklärung des Deutschen Großlogentages

vom 29.Mai 1915 an den damaligen Kaiser Wilhelm II.

„Eure Majestät bitten ehrfurchtsvoll im Namen der

Deutschen Frmrei die zum vierzigsten Deutschen

Großlogentag versammelten Grmstr. und Vertreter

der acht Deutschen Großlogen, die Versicherung

ihrer unverbrüchlichen Treue, Liebe und Verehrung

allergnädigst entgegennehmen zu wollen. Treu den

alten Gesetzen der Frmr., welchen deren

Versammlungen die Erörterung politischer und

konfessioneller Fragen verbieten, weisen wir weit von

uns jede Gemeinschaft mit jenen entarteten

Geheimbünden gewisser Länder, welche, den

altehrwürdigen Namen der Frmr. mißbrauchend,

unter dessen Deckmantel politischen Einfluß

erstreben. In diesem Weltkriege, mit dem räuberische

Nachbarn uns überfielen, verehren die Deutschen

Frmr. mit tiefstem Danke in Eurer Majestät den

weitblickenden, sieggekrönten Herrscher und

Verteidiger des Vaterlandes, aber zugleich den

gottgewollten Führer zur Erhöhung der Würde und

 

des Wohles der gesitteten Menschheit und zur

Wahrung ihrer heiligsten Güter. Gott schütze, Gott

segne Eure Majestät!"

 

Aus Stil und Inhalt dieser Adressen weht wahrlich kein

Hauch Lessingschen Geistes. Hier hat in der Tat der

Patriotismus aufgehört, eine Tugend zu sein.

Derartige devote und schwulstige Huldigungsadressen sind

unseren Ohren nicht mehr erträglich, ja, sie sind kaum

noch verständlich. Wir können sie nur noch als historische

Dokumente werten, die den Geist der Zeit widerspiegeln, in

der sie entstanden sind, und von dem man sich, wenn

auch nur langsam, zu trennen begann.

 

Solchem Geist, der als eine Folge der klerikalen und

nationalistische Auslegung der Hauptabschnitte I und II

der „Alten Pflichten" anzusehen ist, wollten die nach

Reform drängenden Brüder durch Gründung einer neuen,

freiheitlich gesinnten, fortschrittlichen, auf dem Boden

wissenschaftlicher Erkenntnisse arbeitenden Großloge

begegnen. Sie strebten eine außerhalb des Deutschen

Großlogenbundes stehende unabhängige, freigeistige

Großloge an, in der auch Nichtchristen Aufnahme finden

sollten. Seine Mitglieder sollten an kein religiöses

Bekenntnis gebunden sein.

Damit stand also auch Atheisten der Zugang offen.

So kam es 1907 zur Gründung des „Freimaurerbundes Zur

Aufgehenden Sonne", kurz FZAS genannt.

Sein Begründer war der Nürnberger Kaufmann Heinrich

Loeberich, ein Mann von hohen geistigen Gaben, der

große organisatorische Talente besaß und über eine

außerordentliche Willenskraft verfügte. Er war die

treibende Kraft, die zur Gründung des neuen Bundes

führte.

 

Das maurerische Licht erblickte er 1899 in der Münchener

Loge „Zur Leuchte", die unter der „Großen Freimaurerloge

von Deutschland" arbeitete, und der er sechs Jahre bis

1905 angehörte. Er verließ Loge und Bund, weil sie ihm zu

sehr an Gott und Bibel gebunden waren, und, festgelegt in

alten und veralteten Traditionen einem starren

Bibelglauben huldigten. Er sehnte sich nach einer

Großloge, frei vom Bibelglauben und frommen Sprüchen,

begründet auf freier monistischer Weltanschauung.

Der Grundgedanke der Freimaurerei war für ihn: „Die

Menschen aus den engen Fesseln der dogmatischen und

konfessionellen Weltanschauung herauszuheben und sie

auf den Boden des reinen Menschentums zu stellen."

In der von ihm herausgegebenen monistischen Zeitschrift

„Freie Glocken" veröffentlichte er 1905 unter seinem

Pseudonym Dr. Erich Hein einen Aufsatz „Einiges über

Freimaurerei". Diesem Aufsatz folgten Broschüren mit dem

Titel: „Die Freimaurerei im Lichte der Wahrheit" und

„Strebet nach Licht, ihr Blinden!".

Diese Schriften haben damals in den Reihen der

Freimaurer großes Aufsehen gemacht und viel Unruhe

hervorgerufen. Sie stießen auf heftigste Kritik. Immerhin

hatten die Veröffentlichungen Erfolg, und es fanden sich

eine Anzahl Gleichgesinnter zu einer ersten Besprechung

zusammen, die im Jahre 1905 in Nürnberg stattfand. Nach

einem von Loeberich vorgelegten Satzungsentwurf wurde

die „Deutsche Freidenkerloge" gegründet. Damit war die

Grundlage zur Gründung eines „Allgemeinen

Freimaurerbundes auf monistischer Weltanschauung", wie

es Loeberich vorschwebte, geschaffen.

Nun galt es, dem Bunde neue Mitglieder zuzuführen und

durch Werbung für seine Ausbreitung zu sorgen. Das

geschah in erster Linie durch Aufsätze und Inserate in der

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Zeitschrift „Freie Glocken". Diese Bemühungen blieben

nicht ohne Erfolg. Während sich beim ersten Treffen im

Jahre 1905 nur 19 Interessenten zusammenfanden, waren

es auf der zum 27. Juli 1907 nach Frankfurt a. M.

einberufenen Generalversammlung schon 127 Teilnehmer.

Nach einem von Loeberich entworfenen Ritual fand hier die

feierliche Einführung aller Mitglieder in den I. Grad statt.

Auf Antrag des Bruders Jacobi wurde der Name der Loge

in „Freimaurerloge Zur Aufgehenden Sonne" geändert,

eine von Bruder Rothe neu ausgearbeitete Satzung wurde

angenommen und die Eintragung des Bundes in das

Nürnberger Vereinsregister als „Freimaurerbund Zur

Aufgehenden Sonne" beschlossen.

Damit war der FZAS konstitutiert.

Es besteht kein Zweifel darüber, daß der „Freimaurerbund

Zur Aufgehenden Sonne" nach Auffassung der alten

Logen, wenn ich die Logen, die ihm bei seiner Gründung

gegenüberstanden, so nennen darf, weder eine

anerkannte, noch eine reguläre Großloge war. Mit der

Streichung des A.B.a.W. in seinem Ritual, mit dem Verzicht

der Bibel und der Auflegung des weißen offenen Buches,

mit der Bereitschaft, auch Atheisten in seine Reihen

aufzunehmen, hatten seine Gründer gegen die

Grundsatzerklärung des „Deutschen Großlogenbundes"

aus dem Jahre 1878 verstoßen. In dieser Erklärung, die ich

bereits in ihrem vollen Wortlaut zitiert habe, war bestimmt

worden, daß eine atheistische Freimaurerei, d. h. also eine

Freimaurerei, die keinen Bezug auf den persönlichen Gott

der Bibel hat, keine Freimaurerei sei. Über diese

Bestimmung der alten Logen, die sich selbst das Recht

gaben, zu entscheiden, wer Freimaurer und was

Freimaurerei sei, hatten sich die Gründer der FZAS

hinweggesetzt.

 

Hinweggesetzt hatten sie sich aber auch über den Punkt

VIII der „General Regulations", der allgemeinen

freimaurerischen Bestimmungen, zusammengestellt vom

Großmeister Payne im Jahre 1720, die auch heute noch

ihre Gültigkeit haben. Im Punkt VIII dieser „General

Regulations" oder allgemeinen Anordnungen, wie sie in der

vom Bauhütten Verlag herausgegebenen und neu

übersetzten Ausgabe von 1966 genannt werden, heißt es:

„Sollte es eine Gruppe oder Anzahl von Brüdern

unternehmen, eine Loge ohne ein Patent des

Großmeisters zu gründen, so dürfen die regulären Logen

keinen Verkehr mit ihnen aufnehmen, sie auch nicht als

echte rechtmäßige Brüder anerkennen, noch ihre

Handlungen und Taten billigen. Sie sind solange als

Aufrührer anzusehen, bis sie sich wieder der Ordnung

fügen, wie es der Großmeister in seiner Weisheit angeben

wird, und bis er sie durch ein Patent anerkannt hat, das

den anderen Logen mitgeteilt werden muß, wie es der

Brauch ist, wenn eine neue Loge im Logenverzeichnis

eingetragen werden soll."

Unter diesem „Geburtsfehler", wie man das immer gern

genannt hat, hatte der FZAS in der Tat während seines

ganzen Bestehens zu leiden, und viele Mitgliederverluste

sind auf ihn zurückzuführen.

Die Gründer jedoch setzten sich über alle Bedenken

hinweg und taten das sicherlich bewußt. Sie anerkannten

den alten Logen kein Richteramt darüber zu, zu

bestimmen, was rechtmäßig sei oder nicht. Die Echtheit

ihres Ringes wollten sie durch maurerische Leistungen

erbringen. Die Bezeichnung Freimaurerbund konnte man

ihnen nicht streitig machen, denn dieses Wort war nicht

geschützt. So arbeiteten sie auch nach einem neuen

Freimaurerritual. Ursprünglich sollte nur im ersten Grad

gearbeitet werden. Davon kam man jedoch schnell ab und

schon 1908 wurde dem 1. Grad der 2. und 3. hinzugefügt.

 

Die Auseinandersetzungen über Anerkennung und

Regularität zwischen dem FZAS und den alten Großlogen

wurden von beiden Seiten sehr einseitig geführt. Der FZAS

versuchte auf vielerlei Wegen, seinen „Geburtsfehler"

wieder gut zu machen. Es waren Bemühungen, die sich

durch alle Jahre seines Bestehens hindurch erstreckten,

aber doch nicht zu dem ersehnten Ziel führten. Ich will auf

diese Geschichte, die ich von 1923 ab miterlebte, nicht

näher eingehen. Sie stellt auch kein Ruhmesblatt in der

Geschichte der deutschen Freimaurerei dar. Sie ist zur

Hauptsache gekennzeichnet durch Mangel an Toleranz auf

beiden Seiten.

Daß man den neuen Bund als eine irreguläre Gründung

bezeichnete und ihn auf Grund des Punktes 8 der „General

Regulations" nicht anerkennen wollte, das mußte er

hinnehmen. Weniger schön war es, ihn als „Winkelloge" zu

bezeichnen. Darin lag eine Diskriminierung, welche die

Brüder mit Recht als Kränkung, ja als eine Beleidigung

empfanden. Eine solche Abwertung, wie sie in dieser

Bezeichnung zum Ausdruck kam, hatte der Bund auf

Grund seiner Arbeit und Wirkung und der

Zusammensetzung seiner Bruderschaft nicht verdient. Es

standen in seinen Reihen viele Brüder, deren Namen im

öffentlichen Leben Rang und Klang hatten. Ich darf hier nur

an den Dep. u. Ehrengroßmeister Br. (Geheimrat Prof. Dr.)

Wilhelm Ostwald, Nobelpreisträger für Chemie des Jahres

1909, erinnern. Auch Carl von Ossietzky und Kurt

Tucholsky gehörten dem Freimaurerbund „Zur

Aufgehenden Sonne" an. Ich halte es für eine Pflicht,

dieser beiden Brüder, die für die Friedensidee in den Tod

gingen, hier kurz zu gedenken.

Carl von Ossietzky, am 3. Oktober 1889 in Hamburg

geboren, war Bruder der Hamburger Loge „Menschentum",

der er im April 1919 beigetreten war. Bruder von Ossietzky

war Journalist und Schriftsteller, er war Mitherausgeber

und späterer Chefredakteur der unabhängigen

 

Wochenschrift für Politik, Kunst und Wissenschaft „Die

Weltbühne". Er war ein unerschrockener Kämpfer für

Frieden und Freiheit. Wegen der unter seiner

verantwortlichen Redaktion veröffentlichten Artikel, die der

Aufdeckung der geheimen Aufrüstung der Wehrmacht

galten („Windiges aus der Luftfahrt", März 1929, Autor

Walter Kreiser), wurde er im Herbst 1931 vom

Reichsgericht wegen Verrats militärischer Geheimnisse

angeklagt und zu einem Jahr und sechs Monaten

Gefängnis verurteilt. Das rief helle Empörung in der ganzen

zivilisierten Welt hervor. Thomas Mann schrieb dazu:

„Dieses Urteil war kein Rechtsspruch, sondern ein

politischer Akt." Am 10. Mai 1932 trat Bruder von Ossietzky

seine Strafe an und wurde am 23. Dezember amnestiert.

Aber schon im Morgengrauen des 28. Februar 1933, in der

Nacht des Reichstagsbrandes, wurde er von den

Nationalsozialisten erneut verhaftet und in die

Konzentrationslager Sonnenburg und Papenburg gebracht.

Die Nachrichten, die über seinen Gesundheitszustand nur

schwer nach außen drangen, waren beunruhigend, ja

alarmierend. Sie ließen keinen Zweifel darüber zu, daß

Bruder Ossietzky Folterungen ausgesetzt war. Alle

Versuche internationaler humanitärer und pazifistischer

Organisationen, seine Überführung in ein reguläres

Krankenhaus zu erreichen, blieben erfolglos. Erst im

Oktober 1935 verschaffte sich der Schweizer Historiker

und Diplomat Carl Jacob Burckhardt, als Mitglied und im

Auftrage des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes,

Zugang zu dem Lager und verlangte Herrn Ossietzky zu

sehen und ohne Zeugen zu sprechen. Er schreibt über

seinen Besuch: „Nach zehn Minuten kamen zwei SS-

Leute, die einen kleinen Mann mehr schleppten und trugen

als heranführten.

Ein zitterndes, totenblasses Etwas, ein Wesen, das

gefühllos zu sein schien, ein Auge geschwollen, die Zähne

anscheinend eingeschlagen, er schleppte ein

gebrochenes, schlecht ausgeheiltes Bein. Vor mir, gerade

 

noch lebend, stand ein Mensch, der an der äußersten

Grenze des Tragbaren angelangt war."

Als Bruder Ossietzky im Jahre 1936 den

Friedensnobelpreis für 1935 erhielt, wurde ihm nicht

erlaubt, diesen Preis anzunehmen, und die

nationalsozialistische Regierung verbot daraufhin allen

Reichsdeutschen die Annahme eines Nobelpreises.

Die immer wiederholten und besonders nach der

Verleihung des Friedensnobelpreises stärker werdenden

Interventionen internationaler Organisationen und

namhafter Politiker, Gelehrter und Künstler, zwangen die

nationalsozialistische Regierung, Bruder Ossietzky in ein

Krankenhaus zu überführen. Von dort wurde er am 17. Mai

1936 in ein Privatsanatorium entlassen, wo er noch

anderthalb Jahre lebte. Am 4. Mai 1938 ist Bruder

Ossietzky dann an den Folgen seiner Mißhandlungen

gestorben.

Aus Anlaß seines Todes schrieb Thomas Mann: „Die

Nachricht vom Tode Ossietzkys hat auch mich tief berührt

und das Gefühl der Ehrerbietung vertiert und für immer

befestigt, das sein Schicksal mir einflößte. Seine Person ist

in den Augen der Welt zu einem Symbol für das Leiden

des freien und freiwilligen Geistes geworden — mit Recht,

denn er hat gelitten für das, was ihm gut und menschlich

erschien."

Kurt Tucholsky, am 9. Januar 1890 in Berlin geboren,

gehörte einer unserer Berliner Logen an. Auch er war

politischer Journalist und Schriftsteller und im Jahre 1926

für kurze Zeit Herausgeber der Weltbühne. Als

Korrespondent der Vossischen Zeitung und durch die

Herausgabe seiner eigenen Bücher, die sehr hohe

Auflagen erlebten, war er weiten Kreisen bekannt. Er war

der Autor mit den „5 PS". Außer unter eigenem Namen

 

schrieb er noch unter den Pseudonymen: Theobald Tiger,

Ignaz Wrobel, Peter Panter und Kaspar Hauser.

Bruder Tucholsky war ein Meister der Feder und ein Stilist

hohen Ranges. Er war ein Satiriker und Kritiker, der mit

messerscharfen Worten und ungeheurer Treffsicherheit die

Wunden der Zeit bloßzulegen verstand. Gleich unserem

Bruder Carl von Ossietzky war auch er ein

leidenschaftlicher Kämpfer für Frieden und Freiheit, für

Wahrheit und Menschlichkeit. Bruder Tucholsky war der

erste deutsche Journalist, dem der damalige französische

Ministerpräsident Poincare nach dem ersten Weltkrieg, es

muß Mitte der zwanziger Jahre gewesen sein, ein Interview

gewährte. Seine Rückreise von Paris nach Berlin nahm

Bruder Tucholsky über Hamburg und berichtete hier in

einer Tempelarbeit der Loge „Menschentum" vor Brüder

Meistern und Gesellen über die Eindrücke seines

Besuches bei Poincare. Deutlich sehe ich Bruder

Tucholsky noch vor mir. Er war von mittlerer Statur und ein

wenig korpulent. So spitz wie seine Feder, so geschliffen

waren auch seine Worte. Ihm zuzuhören, war ein Genuß,

wenn seine aggressive Art auch nicht jedem zusagte. Ich

bin ihm nur dieses eine Mal begegnet. 1929 siedelte

Bruder Tucholsky nach Hindas (Schweden) über. 1933

wurde er von den Nationalsozialisten ausgebürgert. Seine

Bücher wurden verboten und verbrannt.

Am 21. Dezember 1935 schied Bruder Tucholsky freiwillig

aus dem Leben durch Vergiftung.

Der „Freimaurerbund Zur Aufgehenden Sonne" leistete

sehr gute Arbeit, und viele Brüder, die selbst in der AFAM

führende Ämter innehatten oder noch innehaben, gingen

aus seinen Reihen hervor. Der FZAS war kein schlechter

Mutterboden.

 

Die Entwicklung des FZAS nahm einen befriedigenden

Verlauf. Im Jahre 1923 zählte der neue Bund 79 Logen mit

2 850 Brüdern, deren Zahl noch auf über 3 000 anstieg.

Außer seinen in Deutschland gelegenen Logen unterhielt

der FZAS auch solche in der Schweiz, in der

Tschechoslowakei, in Ungarn und Österreich. Das

Sprengelrecht der Schweizer Großloge Alpina zwang die in

der Schweiz befindlichen Logen, sich vom FZAS zu

trennen; die in der Tschechoslowakei geführten Logen

mußten sich aus politischen Gründen der dortigen

Großloge anschließen.

 

Neben diesen Verlusten gab es immer wieder Gruppen von

Brüdern, die den Bund wegen der Frage der Regularisierung verließen. In den Jahren 1925 — 1927 hatte der

FZAS einen Verlust von ca. 800 Brüdern zu verzeichnen.

Unter Führung des ehemaligen Großmeisters Br. (Dr.) Karl

Weigt, verließ 1927 eine größere Gruppe von Brüdern den

Bund und schloß sich der Bayreuther Großloge zur Sonne

an. Den schwersten Mitgliederverlust jedoch erlitt der

FZAS 1930, als bei der Gründung der Symbolischen

Großloge von Deutschland unter Führung des dep.

Großmeisters Peter Heinsen 600 Brüder seine Reihen

verließen. Wenn die entstandenen Lücken auch durch

Neuaufnahmen verringert werden konnten, so gelang es

dem FZAS nicht, sich von diesen Verlusten wieder zu

erholen.

Die verminderte Mitgliederzahl beeinträchtigte aber in

keiner Weise die Arbeitskraft des Bundes.

Die Arbeiten innerhalb der Logen erfolgten nach der

Gradeinteilung Lehrling, Geselle und Meister. Das einst

von Br. Loeberich entworfene Ritual wurde 1915 durch die

Annahme des neuen Rituals von Br. (Dr. med.) Johannes

Marcinowski abgelöst, das später noch einmal überarbeitet

wurde. Das geistige Leben der Logen, die sich durchweg

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einmal in der Woche zusammenfanden, war sehr rege und

stand immer auf einem beachtlichen Niveau. Die Vorträge,

stets aus freimaurerischer Sicht gehalten, bezogen sich auf

alle Gebiete des Lebens, der Kunst und der

Wissenschaften. Stets folgte dem Vortrag eine

Aussprache.

Nach außen wirkte der Bund durch seine 1908

herausgegebene Zeitschrift „Sonnenstrahlen"; für den

internen Gebrauch dienten die 1909 herausgegebenen

„Vertraulichen Mitteilungen". Die Zeitschrift

„Sonnenstrahlen" stand von 1908 — 1922, mit einer nur

kurzen Unterbrechung, unter der Schriftleitung des Bruders

(Dr.) Kurt Floericke, eines in der Öffentlichkeit sehr

bekannten Naturwissenschaftlers. Ab Januar 1923

übernahm Bruder (Dr.) Max Seher, der später letzte

Großmeister des FZAS, die Herausgabe dieser Zeitschrift,

deren Titel 1927 in „Das Neue Freimaurertum" geändert

wurde. Neben diesen periodischen Zeitschriften

veröffentlichte der FZAS noch eine ganze Anzahl

freimaurerischer Schriften und Broschüren, denen später

Schriftenreihen unter dem Sammeltitel „Bausteine" und

„Kultur und Zeitfragen" folgten. Weite Beachtung fanden

die Bücher des Großmeisters Br. (Dr.) Rudolf Penzig

„Freimaurer-Lehrbuch" und „Logengespräche über Politik

und Religion".

Über die eben genannte Zeitschrift „Das Neue

Freimaurertum" urteilt das Internationale Freimaurerlexikon

der Brüder Lennhoff/Posner wie folgt: ,„DasNeue

Freimaurertum' steht auf einer Höhe, die von vielen

regulären Freimaurerzeitungen nicht erreicht wird", und

über den Großmeister Br. Rudolf Penzig ist an gleicher

Stelle zu lesen: „Die Wirksamkeit Penzigs hat auch die

reguläre Freimaurerei beeinflußt."

Ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des

Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne betrifft seine

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Friedensarbeit und seine Bemühungen um

Völkerverständigung. Namentlich in der Annäherung

zwischen Frankreich und Deutschland nach dem 1.

Weltkrieg hat er Vorbildliches geleistet.

Die erste Fühlungnahme des FZAS mit einem Bruder der

Grande Loge de France erfolgte im Jahre 1920 auf dem

Pazifistenkongreß in Basel. Es war der Bruder Bloch,

Baden, der dort die ersten Fäden mit dem Bruder Gaston

Moch, Paris, knüpfte. Diese erste persönliche

Fühlungnahme veranlaßte die Grande Loge de France,

Paris, einen Brief, datiert vom 27. 9. 21, an den

Großmeister des FZAS, Bruder (Dr.) Rudolf Penzig zu

senden. In diesem Schreiben heißt es unter anderem:

„Zunächst mußten wir aber durch die G. L. d. F. feststellen

lassen, daß Sie, der FZAS, ein rechtmäßiger frmr.

Machtfaktor sind, mit dem wir infolgedessen auch nach

Freimaurerart in Verbindung treten können.

Wiewohl es schien, als ob bei Ihrer Entstehung die

allgemein üblichen Verpflichtungen, wie sie zur Gründung

eines Freimaurerbundes erforderlich sind, nicht erfüllt

wurden, haben wir uns trotzdem und sozusagen

einstimmig entschlossen, den F. Z. A. S. als einen

ordentlichen und regelrechten Freimaurerbund

anzuerkennen."

Weiter wird in dem Schreiben der Hoffnung Ausdruck

gegeben, mit dem „Freimaurerbund Zur Aufgehenden

Sonne" in gemeinsamer Arbeit eine Ära des Friedens und

der Ruhe in der ganzen Welt herzustellen, und daß die im

Entstehen begriffenen zarten Fäden sich noch viel enger

schließen und im breiten Maße dazu beitragen mögen, das

Werk, welches wir versuchen gemeinschaftlich zu

beginnen, auch zu vollenden.

Auf dem nächsten Großlogentag des FZAS im Juli 1922 in

Hamburg, nahmen bereits Vertreter der Grande Loge de

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France und des Grand Orient de France, Paris, teil. In der

am 28. Juli in Hamburg im großen Saal des

Conventgartens durch den FZAS veranstalteten offiziellen

„Kundgebung für Völkerfrieden und Kulturfortschritt" traten

die französischen Delegierten vor einer Versammlung von

weit über 1000 Personen als Redner auf. Neben dem

Großmeister Br. (Dr.) Rudolf Penzig und den Brüdern (Dr.)

Max Apel, Berlin, Emil Felden, Bremen, und (Dr.) Weigt,

Hannover, sprachen die französischen Brüder Gaston

Moch, Paris, von der Grande Loge de France und Adrien

Juvanon, Paris, vom Grand Orient de France.

Von dieser Zeit ab war der Verkehr zwischen den

französischen Logen und denen des FZAS sehr rege. Es

wurden gegenseitige Freundschaftsgaranten ernannt und

Tatigkeits- und Presseberichte ausgetauscht.

Von den freimaurerischen Friedensmanifestationen, die im

jährlichen Wechsel auf französischem oder deutschem

Boden stattfanden, sei noch die vom 27. Mai 1928 in

Verdun besonders erwähnt. Hauptredner waren vom

Grand Orient de France Senator Br. Bernadin, und vom

FZAS Br. (Dr.) Max Seber. Hier, auf den Schlachtfeldern

von Verdun, angesichts der Gräber der Gefallenen beider

Nationen wurde die Freundschaft zwischen dem

Freimaurerbund Zur Aufgehenden Sonne und dem Grand

Orient de France feierlich bekräftigt. Eine Freundschaft, die

sich bis zur Auflösung des Bundes im Jahre 1933 bewährt

hat. Nach Beendigung der Kundgebung folgte der

Bundesvorstand des FZAS einer Einladung des Grand

Orient de France nach Paris und stattete den

französischen Brüdern dort seinen Besuch ab. Er trat die

Heimreise an mit der Zusicherung, daß ein Gegenbesuch

erfolgen sollte, der aber erst im Februar 1931 Wirklichkeit

wurde. Es war ein offizieller Besuch des Grand Orient de

France in Hamburg. Dieser Besuch der französischen

Brüder war ein Ereignis auch für die Öffentlichkeit. Für

mich war die Teilnahme an den mit diesem Besuch

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verbundenen Veranstaltungen einer der Höhepunkte

meiner maurerischen Erlebnisse. Die offizielle Deputation

des Grand Orient de France bestand aus den Brüdern:

Delauny, Paris; Bernardin, Nancy; Thiriet, Nancy;

Radouan, Dijon; Perol, Cler-mont, und Siman, Fos (H-

Garonne). Diese Deputation wurde vom Hamburger Senat

offiziell und feierlich im Rathaus begrüßt. Ein

Erinnerungsfoto, im Ehrenhof des Rathauses

aufgenommen, erschien auch in der Hamburger Presse.

Die Festloge, der später ein Bankett im Kaiserhof (Altona)

unter Teilnahme der Schwestern folgte, fand im Logenhaus

der Hamburger FZAS-Logen in Groß-Flottbek statt. In

seiner in der Festloge gehaltenen Rede sagte Br.

Bernardin über das Ereignis dieses Besuches, daß es das

erste Mal sei, nicht nur seit dem deutsch-französischen

Krieg 1914 — 1918, sondern sogar seit dem Kriege

1870/71, daß der Grand Orient de France eine offizielle

Gesandtschaft, bestehend aus allen Mitgliedern seines

Büros, ins Ausland entsendet habe. Von dieser Tatsache

nahm auch die Hamburger Presse Notiz, als sie über den

Empfang der französischen Delegation durch den

regierenden Bürgermeister berichtete. Auf seinem letzten

Großlogentag 1932 in Nürnberg, feierte der

Freimaurerbund Zur Aufgehenden Sonne unter

Anwesenheit delegierter Brüder der französischen

Großlogen sein 25jähriges Bestehen. Als Vertreter für den

Grand Orient de France waren die Brüder Bernardin und

Radouan erschienen, für die Grande Loge de France der

Bruder Charidat.

Auch hier, Nürnberg 1932, fand noch eine öffentliche

Veranstaltung statt, auf der die eben genannten

französischen Brüder sprachen, sowie auch die Brüder

(Dr.) Hartmann und (Prof. Dr.) Walter A. Berend-sohn vom

FZAS. Alle genannten Redner setzten sich für

internationale Verständigung und den Völkerfrieden ein

20

und wandten sich gegen den Mißbrauch der nationalen

Idee.

Auf dieser öffentlichen Kundgebung kam es zu Tumulten,

hervorgerufen durch die im Saal verteilten Provokateure

der NSDAP. Die Störungen nahmen ein derartiges

Ausmaß an, daß die Veranstaltung unterbrochen werden

mußte. Erst nachdem die lautesten Störenfriede aus dem

Saal entfernt worden waren, konnte sie in Ruhe und

Ordnung zu Ende geführt werden. Gleich am nächsten Tag

berichtete die Zeitung „Der Stürmer" in einem groß

aufgemachten Hetzartikel über die Tagung des FZAS. Als

Illustration war dem Artikel eine Aufnahme beigegeben, die

die Front des Hotels „Deutscher Hof" zeigte, an dessen

einem Fenstersims das Banner des „Freimaurerbundes Zur

Aufgehenden Sonne", hier zum ersten und letzten Mal

gezeigt, angebracht war. Der Ablauf dieser Veranstaltung

ließ deutlich erkennen, wer und was da heraufkam, und

womit wir in Zukunft zu rechnen haben würden.

Für mich persönlich brachte dieser letzte Großlogentag

eine große Überraschung. Ich wurde einstimmig als Groß-

Sekretär in den Bundesvorstand gewählt. Da dieses Amt

seit Jahren von Hamburger Brüdern besetzt war, glaubte

ich, mich diesem Rufe nicht entziehen zu können und

nahm die Wahl an. Als man mich der Versammlung

vorstellte, war man erfreut und überrascht darüber, daß mit

mir ein junger Bruder in den Bundesvorstand einzog. Und

ich fühlte mich sehr geehrt, als der Bruder Bernardin,

Großbeamter und offizieller Vertreter des Grand Orient de

France, mir seinen Freimaurerpaß vorlegte und mich um

die Eintragung meines Namens bat.

Wie üblich, kam es auf diesem Großlogentag auch zur

Bildung von Arbeitsausschüssen. Ich weiß nicht mehr,

welcher Ausschuß mir übertragen wurde, nur den Namen

eines seiner Mitglieder vermag ich heute noch zu nennen,

es war der Berliner Bruder Willi Giwan.

 

Der Bundesvorstand des FZAS setzte sich zusammen aus

dem Großmeister, den Dep. Großmeistern, dem Groß-

Sekretär, dem Groß-Schatzmeister und den Beisitzern. Der

Großmeister oder ein Dep. Großmeister, der Groß-

Sekretär und der Groß-Schatzmeister bildeten den

geschäftsführenden Ausschuß. Nach dem Nürnberger

Großlogentag setzte sich dieser Ausschuß aus folgenden

Brüdern zusammen:

  Dep. Großmeister: Br. (Prof. Dr.) Walter A.

Berendsohn, Hamburg.

  Groß-Sekretär: Br. Johannes Drechsler, Hamburg.

Groß-Schatzmeister: Br. Wilhelm Kluck, Bremen.

Der geschäftsführende Ausschuß, der sich monatlich

zusammenfand, hielt seine Sitzungen in den Räumen des

Hamburger Groß-Sekretariats ab. (Der Bund hatte 1925

seinen Sitz von Nürnberg nach Hamburg verlegt.)

Zum Lobe dieses Ausschusses muß gesagt werden, daß

er sich, selbst in dieser bedrohlichen Zeit noch, mit allen

ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, dem aufkommenden

nationalsozialistischen Ungeist entgegenstellte. Die letzte

größere Veranstaltung hier, im norddeutschen Raum, war

die Tagung der Bezirksloge Niedersachsen, die am 10.

Oktober 1932 im Großflottbeker Logenhaus, dem Heim der

Hamburger FZAS-Logen, stattfand. Für den rituell

gehaltenen Teil der Tagung hatte ich als Groß-Sekretär die

Zeichnung übernommen, den Arbeitsvortrag hielt der Dep.

Großmeister Br. Berendsohn. Dann wurde es allmählich

Nacht über Deutschland. Die braune Welle war nicht mehr

aufzuhalten. Und uns wurde klar, daß ein Verbot der

Freimaurerei nicht ausbleiben konnte. In Konsequenz

dieser Erkenntnis, lösten wir den Freimaurerbund Zur

Aufgehenden Sonne, noch bevor ein Verbot erfolgt war, im

Frühjahr 1933 auf. Damit waren die Lichter in allen

Tempeln des Bundes erloschen, in den Herzen der Brüder

 

aber glimmte eine kleine Flamme weiter und harrte der

Stunde, in der sie wieder zu hellem Glanz erweckt werden

würde. Die Auflösung des Sekretariats und des Bundes-

Archivs wurde mir überlassen, eine Aufgabe, die mich vor

schwere Entscheidungen stellte. Im stillen hoffte ich,

wenigstens das Bundes-Archiv retten zu können. Aber

wohin mit den Akten, den Regale füllenden Schriftwechsel,

den Logen-Dossiers; wohin mit dem noch großen Bestand

an Büchern, Broschüren und Zeitschriften und vor allem,

wohin mit dem Bundes-Archiv, mit seinen Urkunden,

Protokollen und Sonder-Akten. Alles einstampfen lassen?

Gut, aber durch wen? Einer Privatfirma konnte ich das

ganze Material nicht übergeben. Dann hätte ich mich der

Gefahr ausgesetzt, daß es direkt in die Hände der SS oder

der Gestapo gelangt wäre. Es galt also zunächst nach

einem sicheren Aufbewahrungsort zu suchen. Dieser war

schnell gefunden. Ein Bruder meiner Loge „Lessing" hatte

sich, im Einverständnis mit seiner Frau, bereit erklärt, alles

Material in den zu seiner Wohnung gehörigen

Kellerräumen unterzubringen. Von dort sollte es dann im

Ofen der Zentralheizung nach und nach den Flammen

übergeben werden. Das war die Lösung des Problems, ich

fand keine bessere. Ich ließ sofort Transportkisten

anfertigen. Die Kisten, welche das Archivgut enthielten,

wurden mit dem Buchstaben A gekennzeichnet, und

nachdem alles verpackt war, wurde es per Lastwagen an

seinen neuen Ort gebracht. Dort standen die Kisten,

sorgfältig aufgeschichtet, wie in einem Lagerhaus. Um die

Vernichtung ihres Inhaltes brauchten wir uns allerdings

keine Sorgen mehr zu machen, das taten andere. Der

Abtransport der Kisten aus unseren Räumen Gertruden-

Kirchhof 10 war nicht unbeobachtet geblieben. Die

Gestapo jedenfalls war informiert worden. So flatterte mir

denn nach geraumer Zeit ein Schreiben ins Haus, mich im

Stadthaus zu einer Vernehmung einzufinden. Eine

Mitteilung, die keine euphorische Stimmung bei mir

hervorrief. Bangen Herzens machte ich mich auf den Weg.

Nie werde ich den Moment vergessen, als die Tür sich,

 

nachdem ich in das Zimmer eingetreten war, automatisch

hinter mir schloß. Unwillkürlich blickte ich mich um und

erkannte, daß es keine Automatik war, denn links und

rechts der Tür saß je ein Uniformierter, Kerle von

Breitwandformat, welche die Tür leise ins Schloß drückten.

Da wurde mir klar, in welcher gefährlichen Situation ich

mich befand.

Was wollte man von mir? Ich sollte ihnen Namen von

Brüdern unseres Bundes nennen. Als ich mit der Antwort

zögerte und der Frage auszuweichen suchte, wurde mir

energisch bedeutet, daß das keinen Zweck habe, und man

durchaus bereit sei, meinem Gedächtnis etwas

nachzuhelfen. Daraufhin entnahm der verhörende Beamte

seinem Panzerschrank, der angefüllt war mit

Veröffentlichungen unseres Bundes, ein Mitgliederverzeichnis unseres Bezirkes Niedersachsen. Ich

erkannte sofort, daß es eine um Jahre zurückliegende

Ausgabe war. Was hatte das für einen Sinn, von mir die

Nennung von Namen zu verlangen, die als gedrucktes

Verzeichnis schon vorlagen. Schweigen hätte zu nichts

Gutem geführt, und so begann ich Brüder namhaft zu

machen, die zwar in dem Verzeichnis aufgeführt waren,

aber schon seit Jahren in den ewigen Osten eingegangen

waren. Eifrig prüfte der Beamte meine Angaben. Dieses

Fragespiel war bald beendet, und ich neige der Auffassung

zu, daß dieser Teil des Verhörs der Prüfung meiner

Glaubwürdigkeit galt. Dann kam die abrupte Frage, wo ich

mit den Kisten geblieben sei, die ich wagenweise hätte

abfahren lassen. Sicher hätte ich sie wegschaffen lassen,

um ihren Inhalt wieder zu verwenden. Meiner

Versicherung, daß das nur geschehen sei, um alles zu

vernichten, schenkte der Beamte keinen Glauben. Es

folgte ein langes Wechselgespräch über die Möglichkeit

oder Unmöglichkeit der Wiederbelebung der deutschen

Freimaurerei. Hierbei waren die Rollen vertauscht, er hielt

es für möglich, ich hingegen für vollkommen unmöglich.

Deshalb auch meine Absicht, alles von zuverlässiger Hand

 

vernichten zu lassen. Über drei Stunden dauerte das

Verhör, und immer noch saßen die Breitwandmänner

schweigend neben der Tür. Hatte es noch einen Sinn, so

ging es mir durch den Kopf, Tausende von Drucksachen zu

hüten, von denen jede, wenn auch nur in wenigen

Exemplaren, hier im Panzerschrank vorhanden war. Würde

man sie so wieder verwenden können, müßte nicht alles

neu überdacht werden? Solchen Überlegungen

nachgehend, gab ich schließlich den Ort der Aufbewahrung

preis. Ich wurde entlassen mit der Warnung, es nicht zu

versuchen, mit meinen Freunden Verbindung

aufzunehmen, ich stünde unter Beobachtung. Jetzt galt es,

den Bruder zu benachrichtigen, der unsere Kisten in

Verwahrung genommen hatte. Ihn von meiner Wohnung

aus anzurufen, schien nicht geraten. So suchte meine Frau

eine öffentliche Fernsprechstelle auf, um unserem Bruder

den ihm bevorstehenden Besuch anzukündigen. Seine

Antwort war: sind schon da! Es ließ mir keine Ruhe, ich

mußte wissen, was dort geschehen war. Spät abends

machten meine Frau und ich uns auf den Weg und

erreichten, große Umwege machend, zu später Stunde

unseren Bruder Willi Steines, er war es, der unsere Kisten

in Obhut genommen hatte. Lachend führte er mich in den

Keller. Wohl sieben bis acht Kisten waren übersehen

worden, dazu auch die mit dem Buchstaben A markierten.

Ich war darüber nicht sehr erfreut, vermutete vielmehr eine

Falle. Gleich am nächsten Morgen teilte ich der

Dienststelle im Stadthaus mit, daß ihre Leute einige Kisten

übersehen hätten und bat um umgehende Abholung, damit

es nicht heiße, wir hätten ihnen diese Kisten vorenthalten.

Noch im Laufe des Tages wurden die restlichen Kisten

abgeholt. Die mit dem Buchstaben A gekennzeichneten

hielten wir jedoch weiter verborgen. Sie wechselten noch

einmal in ein anderes Haus über, wo wir sie auf dem

Dachboden hinter einer neu errichteten Steinmauer

versteckt hielten. Hier allerdings wurden sie 1943 ein Opfer

der großen Luftangriffe auf Hamburg und gingen im

Flammenmeer unter. So waren alle unsere Bemühungen,

25

das Bundes-Archiv des FZAS zu retten, die uns die Freiheit

und das Leben hätten kosten können, letzten Endes doch

vergebens gewesen. Gott sei Dank hatte keiner unserer

Brüder dabei Schaden gelitten. Ich wurde ein zweites Mal

zum Verhör bestellt, und es sah sehr bedrohlich für mich

aus. Dieses Verhör galt den Beziehungen des

„Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne" zu den

französischen Großlogen Grande Loge de France und

Grand Orient de France und der mit ihnen gemeinsam

durchgeführten Manifestationen, es galt weiterhin unserer

im Ausland geführten Logen.

Dann aber legte man mir eine schlimme Tat zur Last. Ich

sollte in der französischen Zeitung „Le petit Parisien" einen

Leitartikel gegen das nationalsozialistische Deutschland

veröffentlicht haben. Nie in meinem Leben hatte ich einen

solchen Artikel geschrieben. Aber die Herren wußten es

besser. Sie wußten sogar, auf welchem Wege der Artikel in

diese Zeitung gelangt war, nämlich über Professor

Berendsohn, Kopenhagen. Und noch heute liegt mir der

Tonfall im Ohr, in dem man hinzufügte: und den kennen

Sie doch wohl. Auch dieses Verhör zog sich über drei

Stunden hin. Ich weiß nicht mehr, was im einzelnen hin

und her geredet wurde. Aber an diesem Tage hatte ich

Glück, vielleicht weil es der 20. April war. Alle Beamten

waren sehr nervös. Sie schienen alle keine Zeit mehr zu

haben, was mir zugute kam, denn bald war ich mit dem

protokollführenden Beamten allein und dieser konnte mit

dem Protokoll nicht zu Rande kommen. Und jetzt entstand

die absurde Situation: ich diktierte ihm das Protokoll! Dann

war ich entlassen.

Es kam noch zu einem dritten Verhör, das aber nur von

kurzer Dauer war. Hier ging es um das Bundesvermögen,

das nicht mehr vorhanden war. Von nun ab hatte ich Ruhe.

Wenn ich auch noch in manche heikle Situation geriet,

diese Dienststelle betrat ich nicht wieder.

 

Meine letzte Amtshandlung, die ich noch vorzunehmen

hatte, war, einem unserer Lessing-Preisträger seinen Preis

auszuhändigen. Der „Freimaurerbund Zur Aufgehenden

Sonne" hatte im Jahre 1929 zur Zweihundertjahrfeier der

Geburt Lessings einen Lessingpreis gestiftet, der etwa alle

zwei Jahre ausgeschrieben werden sollte. Das Thema des

Preisausschreibens 1930 lautete: „Was hat uns Lessing als

Freimaurer zur kulturpolitischen Lage der Gegenwart zu

sagen?" Nach sorgfältiger Prüfung der eingegangenen

Arbeiten, wurde der Preis, der mit RM l 000,—

ausgeschrieben war, geteilt, und den Arbeiten der Herren

Karl Fischer und Dr. Hans Hartmann je zur Hälfte

zugesprochen. Der Preisträger Karl Fischer hatte seinen

Preis, ich weiß nicht mehr aus welchen Gründen, noch

nicht in Empfang nehmen können. Ihm händigte ich seinen

Preis nach Auflösung des Bundes in meiner Wohnung aus.

Von beiden Preisträgern war nur Karl Fischer Freimaurer.

Es war der Bruder Karl G. Fischer, Krefeld, nach 1945

bekannt geworden durch die von ihm herausgegebenen

„Freimaurer Briefe" sowie als einstiger Redakteur der

„Europäischen Freimaurerzeitung". Beide Arbeiten, „Spirito

masonica" von Karl Fischer und „Echte Freiheit" von Dr.

Hans Hartmann, hat der Freimaurerbund Zur Aufgehenden

Sonne, zu einem Buch vereint, im Verlag Bruno Zechel,

Leipzig, noch 1932 erscheinen lassen.

War mit der Auflösung des Bundes, erzwungen durch die

damalige politische Lage, seine organisatorische Form

auch zerstört, der Zusammenhalt der Brüder, soweit sie

sich als echte Brüder Freimaurer erwiesen, blieb bestehen.

Allerorten kamen sie in geheimen Gruppen und Zirkeln

zusammen, und wenn auch an eine rituelle Arbeit nicht

mehr gedacht werden konnte, so waren diese

Zusammenkünfte doch der einzige Hort, wo freies Denken,

freie Rede, freier Meinungsaustausch und Kritik an den

Machthabern noch möglich war. Hier, in diesen

Konventikeln, holten sich die Brüder die geistige Kraft,

derer sie bedurften, um gegen die herrschende Knebelung

 

des Geistes, gegen die Unterdrückung jeglicher Freiheit

und gegen die Bestialitäten der Machthaber bestehen zu

können. Auch die Brüder der Hamburger Loge „Lessing",

deren Stuhlmeister ich in den letzten Jahren gewesen war,

trafen sich zu regelmäßigen Zusammenkünften an

wechselnden Orten. Bei einer solchen Zusammenkunft im

Alsterpavillon lasen wir in der Spätausgabe des Hamburger

Fremdenblattes, daß der Hamburger Professor Dr. Walter

A. Berendsohn sich in Kopenhagen das Leben genommen

habe. Eine Nachricht, der ich sofort widersprach und die

als Wahrheit entgegenzunehmen ich nicht bereit war. Ich

beschloß, gegen den Widerstand meiner Brüder, sofort in

Kopenhagen telefonische Nachfrage zu halten. Vom

Alsterpavillon aus zu telefonieren, erschien mir bedenklich.

Ich begab mich daher in das gegenüberliegende Hotel

„Hamburger Hof", heute ist dort das Postamt 12

untergebracht, und meldete mein Gespräch nach

Kopenhagen an. Die Verbindung war rasch hergestellt, und

von einer Hausangestellten erfuhr ich, daß der Herr

Professor wohlauf sei und sich zur Stunde im Theater

aufhalte. Mit dieser guten Nachricht kehrte ich zu meinen

Brüdern zurück. Wir hielten es dann für klüger, nach

diesem Telefonat für den Abend auseinanderzugehen. In

solchen oder ähnlichen kleinen Zirkeln trafen sich Brüder

aller Obödienzen. Nicht alle hatten das Glück, den

Schergen der NSDAP zu entgehen. Viele Brüder mußten

ihren Widerstand gegen den nationalsozialistischen Terror

mit ihrer Freiheit, ja mit ihrem Leben bezahlen. Eine große

Anzahl ging in die Emigration, und nicht wenige, die keinen

anderen Ausweg mehr wußten, wählten den Freitod.

Immer aber waren es einzelne Brüder, die sich der

aufkommenden Barbarei entgegenstellten und sich zu

ihren beschworenen Idealen bekannten.

Wie unrühmlich dagegen das Verhalten der Großloge der

Freimaurer von Sachsen, eine der Großlogen, die mit die

Repräsentanz der deutschen Freimaurerei darstellte.

28

Diese Großloge sandte am 21. März 1933, dem Tag von

Potsdam, ein in ihrer Hauptversammlung vom 26. März

nachträglich einstimmig gutgeheißenes Telegramm u. a. an

den Herrn Reichspräsidenten Generalfeldmarschall von

Hindenburg, an den Herrn Reichskanzler Hitler, an die

Herren Reichsminister Dr. Frick und Dr. Goebbels, das

folgenden Inhalt hatte:

„Die Große Landesloge der Freimaurer von Sachsen

begrüßt am heutigen Weihetage die nationale

Erhebung des deutschen Volkes und Vaterlandes.

Sie gelobt in christlich-nationaler Pflichttreue, wie

bisher, im Geiste ihres Bruders Friedrichs des

Großen mit der Reichsregierung zu arbeiten für

Deutschlands Ehre und Größe, Einigkeit und Freiheit.

Den Allmächtigen bitten wir, das neue Reich segnen

zu wollen."

Welch klägliches Versagen in einer Stunde, wo es auf

Bewährung ankam! Ich stelle diesem beschämenden

Telegramm das mutige Rundschreiben des Großmeisters

Dr. Max Seber des „Freimaurerbundes Zur Aufgehenden

Sonne" gegenüber, das dieser im Januar 1932 an die

Meister seiner Großloge richtete.

„An die Brr. Meister!

Wird die Jahreswende auch die Schicksalswende

bringen? Werden wir endlich wieder einmal Hoffnung

schöpfen können oder wird sich der grauenhafte

Abstieg weiter fortsetzen? Diese Kernfrage taucht in

uns allen auf und wird je nach Temperament und

Stimmung ganz verschieden beantwortet. Niemand

vermag hier überhaupt etwas Sicheres zu sagen. Wir

sind gezwungen, weiter zu warten. Keine Frage, daß

dieses Wartenmüssen etwas ungemein

Zermürbendes hat. Eine schwere Last, eine tiefe

Bangigkeit liegt heute auf und in uns.

29

Verzweiflungsstimmung bricht vielfach durch, und

Verzweiflungsschritte sind nicht selten. Das ist der

Mutterboden für den Radikalismus jeder Art, für

Unvernunft, Gewalttätigkeit. Tief hat sich dieses alles

in unser deutsches Volk hineingefressen. Schlimme

seelische Schäden werden überall sichtbar. So

begreiflich dies alles ist, so wenig zweckmäßig sind

doch diese abnormen Reaktionen, die unsern

Volksorganismus von innen heraus zu zerstören

drohen, ehe noch das äußere Unheil sein Werk

vollendet hat. Die Gefahr eines Bürgerkrieges in

unserem überreizten Land ist riesengroß, drohend

steht das Gespenst des kulturfeindlichen,

gewalttätigen Nationalsozialismus vor uns, der alle

mühsam errungenen Freiheiten, ohne die es wahre

Persönlichkeiten nicht gibt, zu vernichten droht.

Mittelalterlicher Geist und mittelalterlicher Glaube

sind im Begriff, sich auf uns niederzusenken, wollen

mit Gewalt Forderungen durchsetzen, die sie im

freien Spiel der Kräfte nie zu erreichen vermögen.

Allzulange haben die freiheitlichen Verbände

gezögert, sich zusammenzuschließen und mit

Entschlossenheit einen Kampf aufzunehmen, der

nicht nur ihrer Existenz, der in Wahrheit der

humanitären Kultur gilt. .Zurück zur Barbarei' ist das

zynische Schlagwort dieser Gruppen, die das alte

Machtstaatsideal, den alten Patriarchalismus, den

zivilen Militarismus in seiner ungeistigsten Form

wieder auf den Thron setzen möchten. Unter diesen

Umständen ist, unbeschadet aller parteipolitischen

Neutralität klar, was jetzt die Pflicht des Br.

Freimaurers ist: mit aller Kraft, mit aller Bestimmtheit

und Todesentschlossenheit für die Ideale zu

kämpfen, die ihm allein das Leben lebenswert

machen. Die Stelle in unserem Ritual: ,Bist du bereit,

dies alles mit dem Tode zu besiegeln', die unserer

Zeit nicht mehr zu passen schien, kann heute

tatsächlich werden und enthüllt ihren Ernst.

30

Wahrscheinlich wird das weniger zur Verteidigung

der Freimaurerei selbst sein, was unter Umständen

den Einsatz des Lebens erfordern kann, als die

Verteidigung der allgemeinen Menschenrechte, die

allen Freien und Geistigen teuer sind. Oder soll nur

der triebgepeitschte Ungeist in seiner hysterischen

Exaltiertheit der Opferbereitschaft seiner Vertreter

sich rühmen dürfen? Sollte das Gute weniger

Begeisterung entfachen als das Schlechte? Der Br.

Freimaurer wird sich auch in den erregtesten Zeiten

keiner Gewalttat gegen politische Gegner schuldig

machen, er wird dort, wo es Zweck und Sinn hat,

mutvoll für seine Ideale einstehen und den Unsinn

bekriegen, wo er ihn findet.

Meine Brr.! Schwer ist unser Leben heute. Aber mit

Bänglichkeit bezwingen wir es nicht. In unseren

Händen liegt jetzt die Verantwortung für die

kommenden Zeiten. Lassen wir es zu, daß der

Barbarismus des Mittelalters von neuem triumphiert,

so senkt sich die Nacht des Unwissens und des

Aberglaubens auf unser Volk hernieder.

Es gilt die Güter, die wir von unseren Vätern ererbt,

zu erwerben, um sie zu besitzen. Da werden wir erst

ihres Wertes gewahr und merken erst, was wir

besaßen, im Augenblick, da wir alles zu verlieren

drohen. Freiheit und Humanität, meine Brr., sind

heute in höchster Gefahr! Ich als Euer derzeitiger

Großmeister, gebe vor Euch allen das große

Notzeichen! Helft und arbeitet, stellt Euren Mann!

Geht hinein in die Verbände zum Schütze der

Verfassung, zum Schütze der Freiheit. Die eiserne

Front aller Entschlossenen wartet auf Euch, meine

Brr.! Noch ist es Zeit, noch ist Raum für

entschlossene Kämpferscharen! Tut Eure Pflicht,

gedenket Eures Eides, gebt mir das Meisterzeichen!"

 

Das sind zwei grundverschiedene Bekenntnisse. Die

reguläre Freimaurerei sendet ein Ergebenheitstelegramm

mit dem Gelöbnis „christlich-nationaler Pflichttreue wie

bisher" und bittet den Allmächtigen, das neue Reich zu

segnen. Der Großmeister des irregulären

„Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne" gibt seinen

Meistern das große Notzeichen, läßt sie in das

Meisterzeichen treten und fordert sie auf, Widerstand zu

leisten und die hohen Ideale der Königlichen Kunst zu

verteidigen. Es dürfte nicht schwerfallen, die Antwort auf

die Frage zu geben, wer hier den echten Ring am Finger

trug.

Dieser Meisterbrief wurde in einer nationalsozialistischen

Zeitschrift veröffentlicht und brachte dem Großmeister Br.

(Dr.) Max Seber prompt einen Prozeß ein, in welchem er

sich selbst zwar glänzend verteidigte, aber doch Amt und

Stellung verlor.

Alle Kräfte, sich dem Nationalsozialismus

entgegenzustellen, erwiesen sich als zu schwach. Seine

Entwicklung und schließliche Konsolidierung war nicht

mehr aufzuhalten. Sein totales Machtstreben endete in

einer Diktatur, die jeden Widerstand erbarmungslos

niederschlug. Jedes freiheitliche, auf Versöhnung, Frieden

und Humanität ausgerichtete Denken wurde erstickt. Und

der „Siegesmarsch" des 1939 ausgelösten Krieges endete

in einem Trümmerfeld ohnegleichen. Am Ende stand

Deutschland vor dem Verlust all seiner Werte, sowohl der

moralischen als auch der sachlichen; auch die Freimaurer

standen vor den Trümmern ihrer Tempel. Doch schnell

erwachte in ihnen der Wille, ihre Arbeit wieder

aufzunehmen.

 

Nachdem der Nationalsozialismus zusammengebrochen

war, zögerten auch die Hamburger Brüder des

„Freimaurerbundes Zur Aufgehenden Sonne" nicht, diesen

wieder aufleben zu lassen.

 

Unter den denkbar schlechtesten Verhältnissen, in einer

Zeit des Hungers, der Kälte, der Licht- und Stromsperren,

der Verkehrseinschränkungen, der

Ausgangsbeschränkungen fanden sich die Brüder der fünf

Hamburger Logen, die zum großen Teil noch ohne Hab

und Gut in Notunterkünften lebten, zusammen und

begründeten am 22. September 1945 die gemeinsame

Loge „Friede und Freiheit" als die neue Mutterloge des

„Freimaurerbundes Zur Auf gehenden Sonne". Als

Grundlage und Richtlinie der zukünftigen Arbeit wurden die

Ziele und Satzungen des früheren Bundes bestimmt.

Der neue, vorläufige, Bundesvorstand wurde von den

Brüdern Satow, Drechsler und Koym gebildet. Zum

Stuhlmeister der neuen Mutterloge „Friede und Freiheit"

wurde Br. Drechsler gewählt.

Ein im März 1946 erlassener Aufruf zum Wiedereintritt und

zur Mitarbeit hatte einen unerwartet guten Erfolg.

Von Hamburg aus wurde nun mit der Wiedererrichtung von

Logen und Kränzchen begonnen. Eine

Arbeitsgenehmigung für Freimaurerlogen durch die

Militärregierung der britischen Zone lag zwar noch nicht

vor, aber die Erlaubnis zu internen Aufbauarbeiten und

unpolitischen Tagungen war gegeben.

Gleich uns waren auch alle anderen Großlogen um die

Wiedererrichtung ihrer Bauhütten bemüht. Von ihrer Seite

aus wurde die Gründung einer Einheitsgroßloge

angestrebt, die alle Systeme umfassen sollte.

Unser früherer Lessingpreisträger, Br. Karl G. Fischer, war

sehr darum bemüht, auch unseren Bund in diese neue

Gesamtorganisation einzubeziehen. In seinem Brief vom

21. September 1945 schrieb er mir unter anderem: „Eine

sehr wichtige Frage ist ja die zukünftige Großlogen-

Organisation, und da möchte ich Sie schon jetzt fragen, ob

 

Sie es für möglich und angebracht halten, daß auch der

FZAS in die zukünftige einheitliche Großlogenordnung

eingebracht wird und nicht mehr als irreguläres Gebilde

nebenher läuft." Aus meiner Antwort vom 27. Oktober

1945, die Br. Fischer in seinem „Freimaurerbrief" vom 15.

November im Auszug wiedergegeben hat, zitiere ich den

letzten Satz: „Wir haben auch heute, ohne nach

irgendeiner Anerkennung zu fragen, unsere Arbeit wieder

aufgenommen, wollen aber keinem Einigungsversuch

ablehnend gegenüberstehen."

Dieser Briefwechsel weckte in mir die Hoffnung, daß es

unter den veränderten Verhältnissen doch gelingen könnte,

dem FZAS, unter Beibehaltung seiner Eigenart, die

Stellung zu verschaffen, die ihm aufgrund seiner

Bewährung und Leistung gebührte: gleichberechtigt an der

Seite der anderen Großlogen zu stehen. Diese Hoffnung

erwies sich als trügerisch. Auch ein in freundschaftlichem

Geiste geführtes Gespräch zwischen Br. Satow und dem

Großmeister Pastor W. Hintze, Hamburg, führte zu keinem

positiven Ergebnis.

Inzwischen hatten die humanitären Logen zu einer

Zusammenkunft maßgebender Brüder nach Bensheim

eingeladen, die am 10. und 11. November 1945 stattfand.

Man erwartete von dort grundlegende Beschlüsse und

wichtige Direktiven. Durch den Freimaurer-Sonderbrief des

Br. Karl Fischer erfuhren wir von der dort vollzogenen

Gründung der Bundesgroßloge „Zu den Alten Pflichten".

Die Durchsicht des Briefes und die Prüfung der ihm

beigelegten „Vorläufigen Verfassung" ließ erkennen, daß

für den FZAS in dieser Organisation nur dann ein Platz sei,

wenn er seine Eigenart aufgeben würde. An dieser

festzuhalten erachteten wir jedoch als unsere Pflicht

denjenigen Brüdern gegenüber, die ein Opfer des

Nationalsozialismus geworden waren.

 

So begannen wir uns wieder auf uns selbst zu besinnen

und setzten die Bemühungen um den Wiederaufbau des

FZAS unermüdlich fort.

Am 16. Dezember 1945 erreichte mich aus Kiel-

Friedrichsort, 1. Minenräumdivision, ein Brief, dem ich

folgende Zeilen entnehme: „Mein lieber Bruder! Auf

Umwegen über Br. Karl Fischer erfuhr ich Eure Anschrift ...

Mit Stolz und Freude hörte ich über Krefeld, daß Ihr und

Louis Satow kräftig am Werk seid ... sollte ich im Frühjahr

nach Berlin entlassen werden, möchte ich gleich kräftig am

Neuaufbau mitarbeiten. Mit brdl. Gr. u. Hdschlg. bin ich

stets Euer Willi Giwan." Mit diesem Brief begann ein reger

Schriftwechsel zwischen uns, und im Januar 1946 wurde

Br. Giwan in die Loge „Friede und Freiheit" aufgenommen.

Im Mai besuchte er mich, und noch immer sehe ich ihn vor

mir stehen in der Marine-Uniform der britischen

Besatzungsmacht. In unserem Gespräch ging es um den

Wiederaufbau der Berliner Loge, um die sich dort der von

mir beauftragte Br. Heller bereits bemühte. Am 29. Juli

1946 war Br. Giwan nach Berlin entlassen worden und am

9. September schrieb er mir: „Br. Heller hat wirklich gute

Arbeit geleistet... In der Zusammenkunft am 17. v. M.

wurde beschlossen, den B. V. zu bitten, für Berlin die

Gründung der Loge ,Zur Morgenröte' zu genehmigen." So

wie in Berlin ging es nun auch an anderen Orten langsam

voran.

 

Der Bensheimer Tagung, die nicht zur Einigung aller

Systeme der humanitären Richtung geführt hatte, folgte

1947 der Frankfurter Konvent, der zur Gründung der

„Frankfurter Arbeitsgemeinschaft von Freimaurerlogen"

führte. Auf der Großmeisterkonferenz dieser

Arbeitsgemeinschaft, die auf dem Großlogentag 1948 in

Bad Kissingen stattfand, wurde ein Grundgesetz

aufgestellt, das alle Johannislogen zu einer vereinigten

Großloge zusammenfassen sollte. Damit war die Gründung

 

der „Vereinigten Großloge von Deutschland" (VGL), die

sich auf ihrem Großlogentag 1951 in Bad Ems den Namen

„Vereinigte Großloge der Alten und Angenommenen

Maurer von Deutschland" gab, vollzogen. Mit der VGL, das

sei hier vorweggenommen, gelang mir dann die

Eingliederung des FZAS! Die Genehmigung der

Freimaurerlogen durch die Besatzungsbehörden blieb

immer noch aus. Das führte leider dazu, daß viele Brüder,

namentlich in den kleineren Orten, sich wieder abwandten

oder den humanitären Logen zuwandten, die dort stärker

vertreten waren, und von denen sie eifrig umworben

wurden. Nichts ging mehr voran, alles stagnierte. Sehr

erschwert wurde die Wiederaufbauarbeit auch durch die

Zoneneinteilung. Für jede der drei westlichen

Besatzungsmächte — Amerika, England und Frankreich —

galten eigene, sehr unterschiedliche Bestimmungen über

die Wiederzulassung der deutschen Freimaurerei.

Um einen besseren Kontakt unter unseren Brüdern

herzustellen, gaben die Hamburger Brüder, unter großen

materiellen Opfern, 1945 die sporadisch erscheinenden

„Vertraulichen Mitteilungen" heraus und 1950 „Das Neue

Freimaurertum" als Vierteljahreszeitschrift. Aber auch das

hatte nicht mehr den gewünschten Erfolg. Selbst die

Tatsache, daß wir am 3. Mai 1948 von der Kulturbehörde

der Stadt Hamburg die Erlaubnis zur Wiederaufnahme

unserer Arbeit erhielten, vermochte den Aufbauwillen

außerhalb Hamburgs nicht mehr zu stärken. Briefe des

Inhalts, daß man die Bemühungen auf Grund der kleinen

Zahl der Interessenten eingestellt habe und daß man sich

einer humanitären Loge angeschlossen habe, waren kein

Einzelfall mehr. Ja, es schien, als wandten sich unsere

Brüder jetzt in größerer Zahl den humanitären Logen zu,

als daß sie unsere Reihen stärkten. Inmitten solcher

Situation erhielt ich aus Berlin von Br. Giwan, auf dessen

Mitarbeit ich soviel Hoffnung gesetzt hatte, mit Datum vom

28. März 1949 ein Schreiben, dem ich folgendes

entnehme: „Am 6. d. M. sind wir dreizehn FZAS-Brüder von

 

der Großen Freimaurerloge ,Zu den Alten Pflichten'

regularisiert und der Loge ,Hammonia zur Treue'

angeschlossen worden. Großmeister Rüdiger leitete selbst

die Arbeit ... Am kommenden Sonntag haben wir schon

Lichteinbringung und nennen uns Johannisloge ,Zur

aufgehenden Sonne'. Mit herzlichen Grüßen auch an alle

Hamburger Brr. stets Dein Dir trvbd. Br. Willi Giwan."

Damit war Berlin für uns verloren. Die Berliner

Entscheidung machte wieder deutlich, daß es der Wunsch

der Brüder war, aus der Isolierung herauszukommen, um

Anschluß an die reguläre Freimaurerei zu finden. Sie

wollten nicht länger mehr außerhalb der großen

Bruderkette stehen. Ich hatte dafür durchaus Verständnis,

bedauerte nur, daß die Berliner Brüder diesen Weg allein

gegangen waren. Wir hätten ihn gemeinsam auf

Bundesebene gehen sollen, das wäre besser und

eindrucksvoller gewesen. Auf solche Weise wurde die Zahl

derjenigen, die bereit waren, am Wiederaufbau des FZAS

mitzuarbeiten, langsam kleiner. In der Hauptsache waren

es Einzelbrüder, die sich in ihren kleinen Orten auf

verlorenem Posten fühlten, keine Aussicht auf einen Erfolg

ihrer Bemühungen mehr sahen und somit Mut und Geduld

verloren. Bedingungen, wie sie in Hamburg vorhanden

waren, waren an keinem anderen Ort gegeben.

In Karlsruhe war seit 1945 unser Bruder Heinrich Nickels

um die Wiedererrichtung einer Bauhütte bemüht. Aber

auch er gab aus den gleichen widrigen Umständen seine

Bemühungen auf. Mit seinem Schreiben vom 20.

November 1949 bat er mich um seine ehrenvolle

Entlassung, um sich der Karlsruher Loge „Leopold zur

Treue" anzuschließen. Seinem Wunsche wurde

entsprochen. In meinem Antwortschreiben bat ich ihn, doch

einmal wieder von sich hören zu lassen. Dieser Bitte ist er

mit seinem Brief vom 21. Februar 1951 nachgekommen,

worin er mir mitteilte, daß er in der Loge „Leopold zur

Treue", die sich aus Brüdern fast aller ehemaligen

 

Großlogen zusammensetzt, eine herzliche Aufnahme

gefunden habe, und dann heißt es wörtlich: „Wir denken

und handeln hier so dogmenfrei wie der FZAS, fast möchte

ich sagen, noch ungebundener. Wir haben Ritualfreiheit

und gestalten uns unser Brauchtum schön und gefällig. —

Ich hatte vor wenigen Wochen Gelegenheit, mich mit

Großmeister Br. Vogel länger zu unterhalten. Er freute sich

von mir zu hören, daß ich aus dem FZAS komme und

sagte, er schätze die Brüder vom FZAS sehr hoch und sie

seien ihm besonders herzlich willkommen, da er im

Begriffe sei, den linken Flügel der Großloge soweit

auszubauen, daß er dem Gedankengut des FZAS

gleichstehe." Das war eine Mitteilung, die mich aufhorchen

ließ. In meinem Antwortschreiben vom 18. März 1951

erinnerte ich Bruder Nickels zunächst an das zwischen

unserem Br. Satow und dem Großmeister Br. Pastor

Hintze, Hamburg, geführte Gespräch, das negativ

verlaufen war und fuhr dann fragend fort: „ ... sollte der

ehrwürdige Br. Großmeister Vogel in dieser Frage

großzügiger sein, als der Großmeister Pastor Hintze in

Hamburg? Das zu wissen wäre für mich sehr wertvoll, da

es die Möglichkeit zuläßt, das Gespräch mit Br. Vogel

wieder aufzunehmen. Ich würde es begrüßen, wenn Du

diese Frage einmal ventilieren könntest."

Mit diesem Briefwechsel, den die Karlsruher Brüder an den

Großmeister Br. Vogel weitergaben, begannen meine

Bemühungen um die Eingliederung des FZAS in die VGL.

Die Vereinigte Großloge von Deutschland war eine

Neugründung, in die alle ihr angeschlossenen Logen ihre

Tradition und ihre Rituale einbrachten. Wenn es möglich

war, die Logen der verschiedenen Systeme mit ihren

unterschiedlichen Ritualen in einer Großloge zu vereinigen,

dann, so schien es mir, mußte dort auch Platz für den

FZAS sein.

 

Nach mancherlei Korrespondenz, nach Nennung vieler

Orte und Termine, schien eine Zusammenkunft mit Br.

Vogel am 7. Oktober 1951 in Osnabrück möglich. Aber erst

nach Festsetzung dieses Datums unterrichtete ich Bruder

Satow als Mitglied des Bundesvorstandes und Bruder

Zelck als den derzeitigen Meister vom Stuhl der Loge

„Friede und Freiheit" über die von mir inzwischen geführte

Korrespondenz und setzte sie von der bevorstehenden

Zusammenkunft mit Br. Vogel in Kenntnis. Ich hatte beide

absichtlich vor ein fait accompli gestellt, um das

Zustandekommen dieses Treffens nicht schon vorher an

ihrem freidenkerischen Dogmatismus scheitern zu lassen.

Dieses Treffen fand dann allerdings nicht am 7. 10. in

Osnabrück statt, sondern schon am 29. September 1951 in

Hamburg im Hotel Reichshof. Großmeister Br. Vogel kam

von einer Stuhlmeisterkonferenz in Hannover, in seiner

Begleitung befand sich Br. Alfred Buss.

Die Besprechung fand in einem freundlichen und

brüderlichen Geiste statt. Großmeister Br. Vogel erwies

sich als ein konzilianter und toleranter Gesprächspartner,

dem es sofort gelang, einen vertraulichen und herzlichen

Kontakt herzustellen. In einer solchen Atmosphäre kam es

dann auch zu für beide Seiten annehmbaren Bedingungen.

Was der Eingliederung des FZAS in die reguläre

Freimaurerei bisher trennend gegenüberstand, war ihr

Festhalten an der Ausschaltung der Symbole des ABAW

und der Bibel aus ihrem Ritual. Es war mit den

Grundsätzen des FZAS unvereinbar, den ABAW als

persönliche Gottesvorstellung im Sinne der christlichen

Religionen anzunehmen, es war auch nicht möglich, die

Bibel als göttliche Offenbarung hinzunehmen.

Voraussetzungen, die die reguläre Freimaurerei an ihre

Mitglieder stellte, da für sie ja eine nicht auf Gott bezogene

Freimaurerei keine Freimaurerei war. Wer in

Verhandlungen geht, muß sich darüber klar sein, daß, will

39

er zu positiven Ergebnissen kommen, Kompromisse

gemacht werden müssen.

Was die Verhandlungen und den Weg zu Kompromissen

erleichterte, war die Tatsache, daß uns in der VGL ein

vollkommen neuer Partner gegenüberstand. Die VGL war

nicht die Wiederholung einer der Großlogen von vor 1933,

sie war vielmehr eine Neugründung, der alle ihr

angeschlossenen Logen, um der Einigung der deutschen

Freimaurerei willen, unter Gewährung von Konzessionen

beigetreten waren.

Das Ergebnis unserer Verhandlung war, daß die

Eingliederung des FZAS in die VGL unter der Annahme

der folgenden Bedingungen erfolgen sollte:

1. Die Bibel muß auf dem Altar liegen, ob geschlossen

oder offen, steht frei. Das weiße Buch darf weiter

aufgelegt werden. Die Bibel bedeutet keine

konfessionelle Bindung, sie gilt als das Symbol

ethischen Strebens.

2. Aufnahme des Symbols A. B. A. W., der auch G. B.

A. W. genannt werden kann, in das Ritual. Dieses

Symbol ist nicht an eine persönliche

Gottesvorstellung gebunden.

3. Es darf nach dem Ritual des FZAS unter

Berücksichtigung der Punkte l und 2 weitergearbeitet

werden.

Das waren für mich akzeptable Bedingungen. Für die

Brüder Satow und Zelck waren es schwere Brocken, die

sie anfangs gar nicht schlucken wollten. Wir konnten diese

Bedingungen weder annehmen noch ablehnen, ohne

unsere Brüder vorher gefragt zu haben. Wir trennten uns

mit dem Versprechen, dem Großmeister Br. Vogel sofort

Nachricht zu geben, sobald die Hamburger Brüder sich

entschieden hätten. Der Unterredung mit dem Großmeister

Br. Vogel folgte am 16. Februar 1952 noch eine zweite mit

40

Br. Emil Seiter. Es wurden nochmals alle Fragen erörtert

und auch über die Modalitäten einer eventuellen

Einverbrüderung gesprochen.

Mir ist nicht mehr erinnerlich, wann und wie oft die

Hamburger Brüder über die Frage der Eingliederung in die

VGL diskutiert haben. Aus meinen Manuskripten ersehe

ich jedoch, daß ich am 21. Februar 1952 in der Loge

„Friede und Freiheit" über die Verhandlungen mit den

Brüdern Vogel und Seiter berichtet habe, unter

ausführlicher Schilderung der damaligen Lage der

deutschen Freimaurerei. Die Debatten waren heiß und

heftig, führten schließlich aber doch unter

Mehrheitsbeschluß zur Annahme der uns gestellten

Bedingungen. Der Eingliederung des FZAS in die VGL

stand nun nichts mehr im Wege. Am 23. Mai 1952 sandte

ich an den Großmeister Br. Vogel unsere Antwort, der ich

folgendes entnehme: „ ... die mit Ihnen, sehr verehrter Br.

Vogel, und mit Br. Seiter geführten Gespräche gaben uns

die Möglichkeit, der Frage eines eventuellen Anschlusses

an die VGL näherzutreten. Wir haben die Frage seitdem

einer ernsten und gründlichen Prüfung unterzogen und

haben uns für einen Anschluß an die VGL entschieden ...

wir geben Ihnen, sehr verehrter Br. Vogel, hiermit von

diesem Beschluß offiziell Kenntnis und bitten um

Eingliederung in die VGL."

Aus der Antwort des Großmeisters Br. Vogel vom 26. Mai

1952 zitiere ich: „Ihre Zeilen vom 23. Mai 1952 habe nicht

nur ich mit herzlicher Freude empfangen, sondern ebenso

der Großmeistertag der Vereinigten Großloge, zu dem

sämtliche Landesgroßmeister und Alt-Großmeister Hintze,

Hamburg, anwesend waren. Ich habe daher nicht nur für

mich und im Namen der Großloge, sondern auch im

Auftrage dieser Brüder Ihnen aufrichtigen Dank zu sagen

und Sie unserer brüderlichen Anteilnahme an der Größe

und Männlichkeit Ihres Entschlusses zu versichern. Wir

meinen damit, daß Sie der Bedeutung jener Brüder und

41

Männer sich würdig gezeigt haben, die den

Freimaurerbund Zur Aufgehenden Sonne einst gründeten,

für ihn lebten, zeugten und in den Tod gingen."

Die offizielle Eingliederung des FZAS erfolgte am 12. Juni

1952 in der Harburger Loge „Zur Erkenntnis". Sie wurde

durchgeführt von dem 1. dep. Großmeister Br. Paul

Ehmke.

Der FZAS hatte damit aufgehört, als selbständige

Organisation zu bestehen.

DER FLAMMENDE STERN ALS LEITMOTIV

 

Geschichte des Freimaurerbundes zur aufgehenden Sonne FZAS

Von Br. Mannhardt Seel

Baustück der Festarbeit anlässlich der Straßburger QC-Tagung 

Meine Ausführungen entnehme ich dem Heft „Ein Streifzug durch die

Geschichte des FZAS" von Er. Johannes Drechsler, dem 1932 gewählten letzten

Großsekretär des FZAS, und aus dem „FZAS - Das feierliche Gebrauchtum des

1. Grades Ausgabe 1914" (in diesem Buch wurden alle Rituale vom 1. Grad

festgehalten).

 

Wenn wir uns in die Übergangszeit zum letzten Jahrhundert zurückversetzen,

so stoßen wir auf die Namen wie Ernst Haeckel (Begründer des Monismus) oder

Rudolf Steiner (der die Anthroposophie begründete). In der Psychologie traten

Siegmund Freud und C. G Jung mit ihren neuen Erkenntnissen in Erscheinung,

die christlichen Missionare waren in Afrika, Indien, Lateinamerika und China

aktiv, die industrielle Entwicklung (Autos, Eisenbahnen und Flugzeuge)

verzeichnete große Erfolge und später der Pazifismus. Alle diese Einflüsse

spielten für die Entstehung des FZAS mit ihren neuen Ritualen eine große Rolle.

Unterschiedliche Auslegung der Alten Pflichten.

Die acht Großlogen von Deutschland, die es um die Jahrhundertwende gab,

fielen bei der Auslegung der „Alten Pflichten" Abschnitt l, der von Gott und

Welt handelt, in zwei Hauptrichtungen: in eine christliche und eine humanitäre.

Die Freimaurer, die eine christliche Richtung vertraten, meinten, dass

Anderson in seinen „Alten Pflichten" nur die verschiedenen Formen der

christlichen Religion gemeint haben kann. Sie machten das Christentum zur

Vorbedingung für die Aufnahme. Der Aufzunehmende wurde auf die Bibel als

die göttliche Offenbarung vereidigt. Der Glaube an den persönlichen Gott der

Bibel und die Auferstehung der Seele waren unerlässliche Voraussetzungen.

Die humanitären Logen hingegen legten die „Allen Pflichten" dahin aus, dass

die von Anderson geforderte Toleranz sich auf alle Glaubensbekenntnisse

bezieht Auch für Nichtchristen, sogar Atheisten war eine Aufnahme möglich.

Zwar legen auch sie die Bibel auf den Altar. Für sie galt die Bibel aber nur als

Symbol des Glaubens an eine göttliche Weltordnung und nicht als Zeichen einer

dogmatischen Bindung an eine bestimmte Konfession.

Als im Jahr 1877 der Grand Orient de France durch einen Beschluss den

Glauben an Gott nicht mehr zur Pflicht machte, gaben sie dem Artikel l ihrer

Verfassung folgenden Wortlaut:

„Die FM, eine vor allem philanthropische, philosophische und fortschrittliche

Institution, hat zu ihrem Zweck das Suchen nach Wahrheit, das Studium der

2

allgemeinen Moralität, der Kunst und Wissenschaft und die Ausübung der

Wohltätigkeit. Sie hat zu Grundsätzen die unbedingte Gewissensfreiheit und die

menschliche Solidarität, sie schließt niemanden um seines Glaubens willen aus,

sie hat als Wahlspruch: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit."

Dieser Beschluss löste in Deutschland heftige Reaktionen aus. Auf seinem

nächsten Großlogentag 1878 in Hamburg gab der „Deutsche Großlogenbund"

folgende Grundsatzerklärung ab:

„Der Freimaurerbund fordert von seinen Mitgliedern kein dogmatisch

bestimmtes Gottesbekenntnis, und die Aufnahme der einzelnen Brüder wird nicht

abhängig gemacht von einem religiösen Bekenntnis. Aber die freimaurerischen

Symbole und freimaurerischen Ideale weisen ausdrücklich auf Gott hin und

wären ohne Gott unverständlich und unsinnig. Die Prinzipien und die

Geschichte der FM lehren und bezeugen Gott. Die FM verehren Gott im Bilde

des A.B.a.W. Das dem FM heilige Sittengesetz hat seine tiefste und stärkste

Wurzel in Gott. Würde die FM abgelöst von der Gottesidee, so würde ihr ideales

Bestreben überhaupt seine nachhaltige Kraft und sein höchstes Ziel verlieren

und würde haltlos und ohnmächtig werden. Der Deutsche Großlogentag spricht

daher im Namen des Deutschen Freimaurerbundes die Überzeugung aus, dass

die Freimaurerloge, welche die Existenz Gottes bestreitet und verleugnen

wollte, nicht als gerechte und vollkommene Loge anzusehen sei, und dass eine

atheistische FM aufgehört hat, eine FM zu sein."

Unterschiede führen zur FZaS-Gründung

Nicht nur der Hauptabschnitt l der „Allen Pflichten", sondern auch der

Hauptabschnitt 2, in dem die Frage, wie weit ein Maurer ein friedfertiger

Untertan sein soll, hat viele Köpfe erhitzt.

Zum Beispiel sandte zum 90. Geburtstag von Kaiser Wilhelm I. die Großloge

von Hamburg eine Huldigung, in der sie ihre Untertanentreue, von Ehrfurcht

und Ergebenheil dem Landesherrn gegenüber bestätigte.

Diesen Geist der Auslegung des Hauptabschnittes l der „Allen Pflichten"

wollten die nach Reform drängenden Brüder durch Gründung einer neuen,

freiheitlich gesinnten, fortschrittlichen und nach wissenschaftlicher Erkenntnis

arbeitenden Großloge begegnen. Sie strebten eine außerhalb des Deutschen

Großlogenbundes stehende unabhängige, freigeistige Großloge an, in der auch

Nichtchristen Aufnahme finden sollten. Seine Mitglieder sollten an kein

religiöses Bekenntnis gebunden sein. So kam es 1907 zur Gründung des FZAS.

Gründer Heinrich Loeberich

Sein Begründer war der Nürnberger Kaufmann Heinrich Loeberich. ein Mann

von hohen geistigen Gaben, der große organisatorische Talente besaß und über

eine außerordentliche Willenskraft verfügte. Er war die treibende Kraft, die zur

Gründung führte.

3

Das maurerische Licht erblickte er 1899 in der Münchner Loge „Zur

Leuchte", der er bis 1905 angehörte. Er verließ Loge und Bund, weil sie ihm zu

sehr an Gott und traditionellen Bibelglauben gebunden war. Er gründete 1907

den FZAS, dem sich dann viele Brr. anschlossen.

Der Grundgedanke der FM war für ihn: „Die Menschen aus den engen

Fesseln der dogmatischen und konfessionellen Wellanschauung herauszuheben

und sie auf den Boden des reinen Menschentums zu stellen."

Es besteht kein Zweifel darüber, dass der FZAS nach Auffassung der alten

Logen, weder eine anerkannte, noch eine reguläre Großloge war. Mit der

Streichung des A. B. a. W. in seinem Ritual, mit dem Verzicht der Bibel und der

Auflegung des weißen offenen Buchs, hatten seine Gründer gegen die

Grundsatzerklärung des „Deutschen Großlogenbundes" aus dem Jahre 1878

verstoßen.

Unter diesem „Geburtsfehler", hatte der FZAS in der Tat während seines

ganzen Bestehens zu leiden. Viele Mitglieder verließen den FZAS aus diesem

Grund.

Ihr Freimaurerritual sollte ursprünglich nur im ersten Grad durchgeführt

werden. Davon kam man jedoch schnell ab und schon 1908 wurde dem l. Grad

der 2. und 3. hinzugefügt. Das Ritual von Br. Loeberich wurde 1913-1914 von

Br. Johannes Marcinowski überarbeitet. Die Baurisse wurden stets aus

freimaurerischer Sicht gehalten. Sie bezogen sich auf alle Gebiete des Lebens,

der Kunst und der Wissenschaft. Nach den Baurissen folgte immer eine rege

Diskussion.

Der Tapis und der Meistertisch vom FZAS

Der Tapis und der Meistertisch vom FZAS sind eine gute Grundlage, um die

geistige Haltung der Gründer vom FZAS wieder zu geben. Ich habe heute den

Tapis von meiner Loge Sapere Aude im Orient Zürich mitgebracht. Er entspricht

dem Original Tapis bis auf einen kleinen Fehler, der unseren Frauen vor 90

4

Jahren bei der Erstellung unterlaufen ist. Das Senkblei und den Maßstab haben

sie vertauscht

In Erinnerung an die alte Gepflogenheit, in der Mitte der Tempel mit Kreide

auf den Fußboden zu zeichnen, wählte man weiße Zeichnungen auf schwarzen

Grund. Da ein Lehrling bei seiner Aufnahme schon das Ziel erahnen sollte, dass

er als Meister erreichen kann, mussten alle wesentlichen Handwerkzeuge jeden

Grades auf dem Tapis sein.

Winkel und Zirkel sind die Werkzeuge des Lehrlings. Sie sind Zeichen für

Recht und Pflicht, sowie die alles umfassende Liebe.

Mit den Gesellenwerkzeugen, Kelle, Setzwaage und Lot, werden mit

bindender Bruderliebe und Vertrauen die Bausteine zu einem stolzen und

aufrechten Bau in die Höhe geschichtet.

Der Meister prüft mit dem Maßstab das Werk, ob es dem Plan entspricht. Mit

dem Hammer prägt er sein Zeichen in den kunstvoll gestalteten Krönungsstein.

Im Zentrum ihres Tapis wurde das Symbol des Flammenden Sterns, der die

drei großen Leitsymbole darstellt, eingeführt.

Es gibt für den FZAS kein schöneres Symbol. Die Spitze des Sterns, die nach

Osten zeigt, ist der Zirkel. Die beiden Schenkel stellen die Liebe dar, die

allumfassend und ohne Ende sei. Die Spitze des Sterns, die nach Westen zeigt,

ist das Winkelmaß. Es steht mit seinen beiden Schenkeln für Recht und

Gerechtigkeit, die unter den Brrn. herrschen sollen. Die beiden parallelen

Linien, die von Norden nach Süden zeigen, sind die obere und untere Kante des

weißen Buches. In dieses Buch soll jeder Br. seinen Weg eintragen, der ihn zum

Licht führt. Dabei sollen der Zirkel und das Winkelmaß die Richtlinien sein.

In der Mitte des Sterns ist eine Rose. Sie ist Sinnbild für das Leben. Sie

erinnert uns aber auch an die Gesetzmäßigkeit, die im Weltall wie auch im

Leben vorhanden ist. Diese Gesetzmäßigkeit, die auch Geburt, Leben und

Sterben umfasst, zu ergründen, ist die Aufgabe für uns Brr. Sie erinnert auch an

die Vergänglichkeit und durch das Vergängliche an die Unwichtigkeit des

Menschen. Wenn in einer Stunde der Erkenntnis die Wahrheit des Bauplans

erahnt werden kann, ist dadurch der Sinn dieses Symbols begriffen. Zum Suchen

dieser Wahrheit wird man durch den flammenden Stern auf dem Tapis

aufgefordert.

Die Flammen, die aus dem Stern herausstrahlen, stellen die Energie dar, die

der Stern verbreitet. Sie sind die Gedanken und Taten, die für unsere Umwelt

ein Licht, eine wärmende Flamme oder ein verzehrendes Feuer sein können. Sie

wirken nicht nur zu Lebzeiten, sondern sie können unser Dasein auch überleben.

Sie können also ewig weiter existieren.

5

Der Meistertisch des FZAS:

Er wird mit einem Tuch abgedeckt, auf dem eine aufgehende Sonne

abgebildet ist. Dieses wichtige Symbol des FZAS wird in einem ihrer Rituale

wie folgt erklärt:

„Den Alten schuf Gott Himmel und Erde, und Leben gebar sie auf sein

Geheiß. Und Gott war ihnen auch einer sittlichen Weltordnung unentbehrliche

Voraussetzung. Wir aber fanden die schaffende Gottheit in uns wieder. In allem

Lebendigen wirkt sie als keimende Kraft und als jauchzender Lebenstrieb, und

zur Höhe reißt der alles Lebendige!

Dem jubeln wir zu, wenn wir der aufgehenden Sonne Hymnen singen, dem

strahlenden Sinnbilds lichter Schönheit der Zukunft. Den meinen wir, wenn wir

in prometheischem Licht- und Flammenkult unsere Herzen mit tatfroher

Begeisterung erfüllen; denn alle Flamme ist uns ein Sinnbild ist uns ein Sinnbild

sonnengezeugten, erdgeborenen Lebens, das mit jedem Atemzug voll lodernder

Sehnsucht zur Höhe strebt, zu seiner Sonnenheimat - ein Bild auch edelsten

Menschenlebens voll innerster Heizenswärme, das sich im Leuchten brennend

verzehrt, gleich Menschenherzen, die ihren innersten Reichtum verschenken

möchte mit wärmender Liebe, und die, geläutert durch Kämpfe des Lebens,

weise Lichtspender wurden für die, so ihnen nahe wohnten. - Möge auch unser

Leben dem Bilde gleich werden, meine Brr."

6

Auf dem Tisch des M.v.St. steht ein Pult in Form eines Reißbrettes. Vor

diesem, in der Mitte des Tisches, ruht das aufgeschlagene weiße Buch. Auf ihm

ruht das Winkelmaß und ein großer Zirkel, rechtwinklig gespreizt und so

übereinander gekreuzt, dass die Figur des sechszackigen Sternes herauskommt:

die drei großen Leitsymbole, die sogenannten drei großen Lichter, also

beisammen. Die drei Hauptsymbole sind von einer Kette umgeben. Rechts und

links am Reißbrett steht eine lebende Blume und der Leuchter. Auf der Ecke im

Süden liegt ein Totenschädel, auf der Ecke im Norden ein rohes unbehauenes

Felsstück und ein Spitzhammer. Über dem Tisch schwebt eine Weltkugel.

Außer seinen in Deutschland gelegenen Logen unterhielt der FZAS auch

solche in der Schweiz, Tschechoslowakei, Ungarn und Österreich.

Ein wichtiges Kapitel in der Geschichte des FZAS betrifft seine

Friedensarbeit und seine Bemühungen um Völkerverständigung, namentlich in

der Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland nach dem 1. Weltkrieg.

Auf dem Großlogentag im Juli 1922 in Hamburg, nahmen bereits Vertreter

der „Grande Loge de France" und des „Grand Orient de France" teil.

Von dieser Zeit ab war der Verkehr zwischen den französischen Logen und

denen des FZAS sehr rege. Es wurden gegenseitige Freundschaftsgaranten

ernannt und Tätigkeits- und Presseberichte ausgetauscht.

Bis 1925 hatte der FZAS seinen Sitz in Nürnberg. Dann wurde er nach

Hamburg verlegt. 1929 zur Zweihundertjahrfeier der Geburt Lessings stiftete der

FZAS einen Lessingpreis, der alle zwei Jahre öffentlich ausgeschrieben werden

sollte. Das Thema des Preisausschreibens 1930 lautete: „Was hat Lessing als

Freimaurer zur kulturpolitischen Lage der Gegenwart zu sagen?" Es war der

erste und letzte Preis der vergeben wurde.

Einige Brr. waren auch im öffentlichen Leben bekannte Persönlichkeilen.

Zum Beispiel der Ehrengroßmeister Br. Prof. Dr. Wilhelm Ostwald,

Nobelpreisträger für Chemie 1909, Br. Kurt Tucholsky, der am 21. Dezember

1935 freiwillig aus dem Leben schied, da er seinen Kampf für Frieden und

Freiheit, für Wahrheit und Menschlichkeil nicht mehr führen konnte und Br.

Carl von Ossietzky, der 1936 den Friedensnobelpreis erhielt.

1932 fand die letzte Großlogentagung vom FZAS in Nürnberg statt. Bei der

öffentlichen Veranstaltung, an der auch verschiedene französische Brr.

sprachen, setzten sich viele für die internationale Verständigung und den

Völkerfrieden ein. Gleichzeitig wandten sie sich gegen den Missbrauch der

nationalen Idee.

Auf dieser öffentlichen Kundgebung kam es zu Tumulten, hervorgerufen

durch die im Saal verteilten Provokateure der NSDAP Die Störungen nahmen

ein derartiges Ausmaß an, dass die Veranstaltung unterbrochen werden musste

Erst nachdem die lautesten Störenfriede aus dem Saal entfernt worden waren,

konnte sie in Ruhe und Ordnung zu Ende geführt werden.

7

Der Großmeister Br. Max Seber vom FZAS richtete zum Jahreswechsel 1932-

1933 ein mutiges Rundschreiben an alle Brr. des FZAS und schloss es mit

folgenden Worten:

„Meine Brr. schwer ist unser Leben heute. Aber mit Bänglichkeit bezwingen

wir es nicht. In unseren Händen liegt jetzt die Verantwortung für die

kommenden Zeiten. Lassen wir es zu, dass der Barbarismus des Mittelalters von

neuem triumphiert, so senkt sich die Nacht des Aberglaubens auf unser Volk

hernieder.

Es gilt die Güter, die wir von unseren Vätern ererbt, zu erwerben, um sie zu

besitzen. Da werden wir erst ihres Wertes gewahr und merken erst, was wir

besaßen, im Augenblick, da wir es zu verlieren drohen. Freiheit und Humanität,

meine Brr. sind heute in höchster Gefahr! Ich als Euer derzeitiger Großmeister,

gebe vor Euch allen das große Notzeichen! Helft und arbeitet, steht Euren

Mann! Geht hinein in die Verbände zum Schutz der Verfassung, zum Schutze der

Freiheit Die eiserne Front aller Entschlossenen wartet auf Euch, meine Brr.

Noch ist es Zeit, noch ist Raum für entschlossene Kämpferscharen! Tut Eure

Pflicht, gedenkt Eures Eides, gebt mir das Meisterzeichen!"

Am 28. Februar 1933, in der Nacht des Reichtagsbrandes, wurde Br Carl von

Ossietzky von den Nationalsozialisten verhaftet und in ein Konzentrationslager

gebracht. Er wurde dort schwer gefoltert. Am 4. Mai 1938 ist er an den Folgen

seiner Misshandlung unter Polizeiaufsicht in einem Sanatorium gestorben.

Der FZAS wurde im Frühling 1933 freiwillig von den Brrn. aufgelöst, bevor

ein Verbot erfolgte.

1943 wurden alle Akten des FZAS, die nicht vorher schon von den

Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden, ein Opfer der großen Luftangriffe

auf Hamburg.

Nach dem Wellkrieg wurde in Hamburg-Harburg am 12. Juni 1952 die

offizielle Eingliederung der noch übrig gebliebenen Mitglieder des FZAS mit

der von ihnen gegründeten Loge „Frieden und Freiheit zur aufgehenden Sonne"

in die „Vereinigte Großloge von Deutschland" aufgenommen. Es wurden dafür

folgende Bedingungen ausgehandelt:

1. Die Bibel muss auf dem Altar liegen, ob geschlossen oder offen sieht frei.

Das weiße Buch darf weiter aufgelegt werden. Die Bibel bedeutet keine

konfessionelle Bindung, sie gilt als Symbol ethischen Strebens.

2. Aufnahme des Symbols A.B.a.W., der auch G.B.a.W genannt werden kann,

in das Ritual. Dieses Symbol ist nicht an eine persönliche

Gottesvorstellung gebunden.

3. Es darf nach dem Ritual des FZAS unter Berücksichtigung der Punkte 1

und 2 weitergearbeitet werden.

 

 

 

 

 

 

 

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